„Die Täter warten nicht“

Warum digitaler Kinderschutz früher beginnen muss

 

Wann beginnt digitaler Kinderschutz? Mit dem ersten eigenen Smartphone? Mit Instagram, TikTok oder dem ersten Klassenchat?

Für Fiona Harms beginnt Prävention viel früher. Die Gründerin des Schutzschild Verlags spricht mit uns über Cybergrooming, Körperautonomie, Gamingwelten – und darüber, warum Kinder nicht erst lernen sollten, sich zu schützen, wenn bereits etwas passiert ist.

 

Ein fremder Mann spricht ein Kind auf der Straße an. Dieses Bild haben viele Erwachsene im Kopf, wenn es darum geht, Kinder vor möglichen Übergriffen zu warnen.

Doch was passiert, wenn der Kontakt gar nicht auf der Straße beginnt?

Wenn jemand beim Spielen auftaucht. Im Chat. Auf einer Plattform, die zum normalen Alltag eines Kindes gehört. Vielleicht zunächst freundlich, interessiert und scheinbar völlig harmlos.

Das Bundeskriminalamt weist darauf hin, dass Cybergrooming nicht nur in sozialen Netzwerken stattfindet. Kontakt kann überall dort angebahnt werden, wo Menschen digital miteinander kommunizieren können – ausdrücklich auch auf Spieleseiten und in Chats.

Für Fiona Harms liegt genau darin eine der großen Lücken heutiger Prävention.

Sie ist Gründerin des Schutzschild Verlags, Mutter und aktive Gamerin. Für unsere Serie „Zwischen Alltag und System“ haben wir mit ihr darüber gesprochen, wie früh Prävention beginnen sollte, was Kinder über Grenzen wissen müssen und welche Verantwortung Eltern, Kitas und Schulen tragen.

Dabei spricht Fiona nicht distanziert über das Thema.

„Ich bin selbst Überlebende“, schreibt sie gleich zu Beginn unseres Interviews.

Ihre eigene Geschichte ist Teil ihrer Motivation. Gleichzeitig erlebt sie als Mutter und Gamerin digitale Lebenswelten aus einer Perspektive, die ihrer Ansicht nach in vielen Präventionsangeboten noch nicht ausreichend berücksichtigt wird.

„Die Täter warten nicht“

 

Gab es einen Moment, bei dem dir besonders deutlich wurde: Wir beginnen mit Prävention bei Kindern zu spät?

Fionas Antwort ist eindeutig:

„Der entscheidende Moment war, als ich als Mutter und aktive Gamerin realisiert habe, wie gnadenlos die Lebensrealität der Kids von dem abweicht, was an Elternabenden gepredigt wird.“

Sie beschreibt einen Widerspruch: Kinder werden vor Gefahren außerhalb des Hauses gewarnt, während Kontakte zu fremden Menschen längst über digitale Räume entstehen können.

Ihr drastisches Bild dafür:

„Wir warnen Kinder vor dem fremden Mann auf der Straße, während der Täter über Roblox, Instagram oder Discord virtuell längst am Küchentisch sitzt.“

Dass digitale Kontaktanbahnung tatsächlich nicht auf klassische soziale Netzwerke begrenzt ist, bestätigt auch das Bundeskriminalamt. Cybergrooming kann grundsätzlich über unterschiedliche digitale Kommunikationsräume stattfinden – darunter Spieleseiten und Chats.

Fionas Schluss daraus geht allerdings weiter:

„Die Gesellschaft wartet mit der Prävention, bis das Kind das erste eigene Smartphone bekommt. Die Täter warten nicht.“

Und damit verschiebt sich die eigentliche Frage.

Vielleicht sollten wir weniger darüber sprechen, wann ein Kind alt genug für Prävention ist.

Vielmehr darüber, welche Fähigkeiten ein Kind bereits braucht, bevor digitale Kontakte selbstverständlich werden.

"Eltern müssen der felsenfeste, sichere Hafen sein."

Fiona Harms

Prävention beginnt für Fiona nicht am Bildschirm

 

Auf die Frage, was Kinder lernen sollten, bevor sie selbstständig in digitalen Räumen unterwegs sind, antwortet Fiona mit einem Satz, der zunächst überhaupt nicht digital klingt:

„Aufklärung beginnt am Wickeltisch.“

Sie meint damit Körperautonomie und Sprache.

Kinder sollen lernen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass Grenzen benannt werden dürfen. Dass ein Nein erlaubt ist. Und dass sie Worte für ihren Körper und für Situationen haben, die sich falsch anfühlen.

Fiona formuliert das sehr deutlich. Sie warnt z.B. davor, Körperteile ausschließlich mit Kosenamen zu bezeichnen, weil dadurch die eindeutige Kommunikation über mögliche Grenzverletzungen erschwert werden könne.

Ihr größerer Punkt dahinter ist jedoch: Ein Kind muss eine Grenzüberschreitung überhaupt benennen können, um darüber sprechen und Hilfe holen zu können.

Für Fiona gehören deshalb Selbstbehauptung und digitaler Kinderschutz unmittelbar zusammen.

„Kinder müssen lernen, laut und deutlich Nein zu sagen, unbequem zu sein und bedingungslos dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen.“

Eltern können nicht alles überwachen

Damit landet das Interview zwangsläufig bei einer schwierigen Frage:

Wer ist eigentlich verantwortlich?

Eltern?

Schule?

Kita?

Plattformen?

Oder alle zusammen?

Für Fiona bleibt die Familie zentral.

„Eltern müssen der felsenfeste, sichere Hafen sein.“

Besonders wichtig ist ihr, dass Kinder keine Angst davor entwickeln, ihren Eltern von problematischen Situationen im Netz zu erzählen.

Auch das BKA empfiehlt Eltern und anderen Bezugspersonen, Interesse an den Online-Aktivitäten von Kindern zu zeigen und eine offene, wertfreie Kommunikation zu fördern.

Doch Fiona zieht gleichzeitig eine Grenze dessen, was Familien leisten können:

„Familien können den digitalen Raum aber nicht 24/7 überwachen.“

Und genau dort beginnt für sie institutionelle Verantwortung.

 

"Gute Prävention scheitert an steifer Bürokratie, fehlendem Budget und weltfremder Theorie."

Fiona Harms

Was muss Schule damit zu tun haben?

 

Hier wird Fiona deutlich.

Sie kritisiert Schulen, die Smartphones und digitale Lebenswelten hauptsächlich als Störung betrachten und aus dem schulischen Alltag verbannen wollen.

Ihre Forderung:

„Schulen haben die verdammte Pflicht, digitale Räume in den Unterricht zu holen, die psychologischen Taktiken der Täter offen zu dekonstruieren und Lehrkräfte massiv fortzubilden.“

Das ist Fionas Position – und sie ist bewusst konfrontativ formuliert.

Die dahinterliegende Frage ist jedoch größer als die Forderung nach mehr Medienunterricht:

Kann Prävention funktionieren, wenn die digitalen Räume, in denen Kinder tatsächlich unterwegs sind, in pädagogischen Kontexten kaum vorkommen?

Denn digitale Risiken entstehen nicht erst dann, wenn Erwachsene sie bemerken.

Wenn Prävention erst beginnt, nachdem etwas passiert ist

 

Fiona sieht ein weiteres strukturelles Problem: Prävention konkurriert in Schulen und Einrichtungen mit Zeit, Budgets und zahlreichen anderen Aufgaben.

Ihre Erfahrung beschreibt sie so:

„Oft wird in den Schulen erst Geld oder Zeit freigeschaufelt, wenn das erste Nacktbild auf dem Pausenhof kursiert oder die Kripo vor der Tür steht.“

Auch hier gilt: Das ist ihre Erfahrung und keine allgemeingültige Beschreibung aller Schulen.

Aber sie führt zu einer wichtigen Frage: Warum investieren wir häufig erst dann Aufmerksamkeit in Prävention, wenn bereits ein konkreter Vorfall existiert?

Genau an dieser Stelle versucht Fiona mit dem Schutzschild Verlag anzusetzen.

 

Vom Problem zur Praxis: der Schutzschild Verlag

 

Der Schutzschild Verlag entwickelt Materialien rund um digitale Grenzüberschreitungen, Cybergrooming und Selbstbehauptung.

Dazu gehören Bücher für unterschiedliche Altersgruppen sowie begleitende Materialien und digitale Angebote.

Für Grundschulen unterscheidet Fiona z.B. zwei Altersbereiche:

Klassen 1–2: „LIMI lernt NEIN zu sagen“ – mit Schwerpunkt Körperautonomie und Grenzen.

Klassen 3–5: „Die Glitch-Jäger: Cyber-Detektive“ – eine Geschichte rund um Gaming, Chats, Fake-Geschenke, Manipulation und digitale Grenzüberschreitungen.

Über ein Buchpatenschaftsmodell können Klassensätze finanziert werden. Nach Angaben des Verlags übernehmen Patinnen und Paten dabei die Druckkosten; enthalten sind außerdem eine PDF-Handreichung für Lehrkräfte und derzeit ein Gutschein des Kooperationspartners Law4school für ein Webinar.

Ob und wie solche Materialien im Unterricht eingesetzt werden, bleibt selbstverständlich eine pädagogische Entscheidung der jeweiligen Schule und Lehrkräfte.

"Wir müssen aufhören, Kinder zur perfekten Anpassung zu erziehen."

Fiona Harms

Was wäre, wenn wir Prävention vom Kind aus denken?

 

Unsere letzte Frage an Fiona war bewusst offen:

Was müsste sich verändern, wenn wir Prävention nicht vom bestehenden System aus denken, sondern konsequent vom Kind?

Ihre Antwort beginnt nicht mit Technik.

Nicht mit Jugendschutzfiltern.

Und auch nicht mit Smartphone-Verboten.

Sie beginnt mit Selbstbehauptung.

„Wir müssen aufhören, Kinder zur perfekten Anpassung zu erziehen.“

Kinder sollen Fragen stellen dürfen. Widersprechen dürfen. Grenzen setzen dürfen.

Und Erwachsene sollten sich für ihre tatsächlichen Lebenswelten interessieren.

Fionas vielleicht sympathischster Rat des gesamten Interviews lautet deshalb:

„Zockt mit ihnen, auch wenn ihr dabei kläglich versagt.“

Dahinter steckt ein ziemlich ernsthafter Gedanke.

Wer verstehen möchte, was Kinder online erleben, muss nicht jede Plattform beherrschen.

Aber vielleicht müssen wir bereit sein, ihre Welt zu betreten.

Nicht erst dann, wenn etwas passiert ist.

Was bleibt, wenn man das Interview liest


Meine älteste Tochter ist in der vierten Klasse.

Ich habe dieses Interview mit ihr im Hinterkopf geschrieben.

Nicht weil ich weiß, was genau die richtige Antwort ist. Sondern weil mich die Frage, die Fiona am Ende aufwirft, nicht loslässt: Was würde sich verändern, wenn wir Prävention wirklich konsequent vom Kind aus denken würden?


Nicht vom Lehrplan.

Nicht vom Budget.

Nicht von dem, was verwaltet werden kann.


Vom Kind.


Vielleicht ist das der wichtigste Satz dieses Interviews. Nicht als Forderung...aber als Einladung, die eigene Haltung zu überprüfen.

 

Schutzschild Verlag | Auf einen Blick

Fiona Harms entwickelt mit dem Schutzschild Verlag Bücher und Präventionsmaterialien rund um Körperautonomie, Selbstbehauptung und digitalen Kinderschutz.

 

Für Schulen und pädagogische Einrichtungen

→ Klasse 1–2: LIMI lernt NEIN zu sagen
Körperautonomie, Grenzen und schlechte Geheimnisse

→ Klasse 3–5: Die Glitch-Jäger
Gaming, Chats, Fake-Geschenke und digitale Manipulation

→ weitere Materialien für ältere Schüler:innen und Förderschulen

→ begleitende Materialien und weitere Präventionsangebote

→ Buchpatenschaften für Schulklassen

 

Materialien des Schutzschild Verlags ansehen →


Informationen zur Buchpatenschaft →

 

Infoblatt für Schulen & Buchpat:innen ansehen / herunterladen (PDF) →

 

Hinweis: Die Angaben zu den Angeboten stammen vom Schutzschild Verlag. Praxis Liebenswert erhält für die Verlinkung keine Vergütung.

 

Mehr aus „Zwischen Alltag und System“

Dieser Beitrag ist Teil der redaktionellen Serie „Zwischen Alltag und System“. Darin bringen wir Erfahrungen von Familien mit Perspektiven aus Praxis und Fachwelt zusammen und fragen, was passiert, wenn Alltag auf bestehende Strukturen trifft.

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Quellen & Transparenz

Interview: Das Interview mit Fiona Harms wurde schriftlich geführt. Die Antworten wurden der Redaktion von Fiona Harms zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Wörtliche Zitate sind als solche gekennzeichnet; Einordnungen und ergänzende Passagen stammen von der Redaktion Praxis Liebenswert.

Weiterführende Quellen:
– Bundeskriminalamt (BKA): Informationen und Präventionshinweise zu Cybergrooming
– Schutzschild Verlag: Informationen zu Büchern, Präventionsmaterialien und Buchpatenschaften

Dieser Beitrag ist Teil der redaktionellen Serie „Zwischen Alltag und System“ von Praxis Liebenswert. Darin bringen wir Erfahrungen von Familien mit Perspektiven aus Praxis und Fachwelt zusammen und fragen, was passiert, wenn Alltag auf bestehende Strukturen trifft.

Fiona Harms ist Gründerin des Schutzschild Verlags. Die Aussagen im Interview geben ihre persönliche und fachliche Perspektive wieder. Die redaktionelle Vorstellung und Verlinkung ihrer Materialien erfolgt unabhängig. Für diesen Beitrag wurde keine Vergütung gezahlt und keine Gegenleistung vereinbart.