Liebenswert Abroad – Im Gespräch
"Das Wochenbett braucht mehr Aufmerksamkeit" — El Parto es Nuestro, Grupo Local Las Palmas
Ein Interview über Geburt, Wochenbett und die Frage, wer nach der Geburt eigentlich noch für die Mutter da ist
Auf Gran Canaria gibt es eine lokale Gruppe von El Parto es Nuestro, einer landesweiten spanischen Organisation, die sich seit vielen Jahren für eine würdevolle, informierte Begleitung durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett einsetzt. In Las Palmas de Gran Canaria treffen sich Frauen und ihre Familien regelmäßig mit den ehrenamtlichen Koordinatorinnen Diana Sarmiento Quintana und Cristina Martín Salazar — offen, kostenlos, ohne Anmeldung.
Erst Ende Januar 2026 traf sich die Gruppe mit dem Colegio de Enfermería de Las Palmas, der Berufskammer der Pflegekräfte und Hebammen der Insel. Für Praxis Liebenswert war das der Anlass, selbst nachzufragen: Wie erleben Familien auf Gran Canaria Geburt und Wochenbett? Was funktioniert gut, was fehlt? Und was lässt sich aus der Arbeit einer Gruppe lernen, die tagtäglich mit den Erfahrungen von Frauen zu tun hat, oft lange bevor sich ein Versorgungssystem dieser Erfahrungen annimmt?
Die folgenden Antworten hat uns die Gruppe schriftlich zur Verfügung gestellt.
Welche Sorgen oder Fragen hört ihr am häufigsten von den Familien, die zu euren Treffen kommen?
Das hängt stark von der Vorerfahrung ab, erzählt die Gruppe. Mütter, die bereits geboren haben, kommen oft, um eine frühere Geburt zu verarbeiten — Situationen, in denen sie wenig Entscheidungsspielraum oder wenig Respekt vor ihrer Selbstbestimmung erlebt haben. Sie suchen nach Alternativen, damit sich das nicht wiederholt. Es gibt aber auch die anderen Geschichten: Frauen, die sich begleitet, respektiert und an Entscheidungen beteiligt gefühlt haben.
Erstgebärende fragen dagegen eher praktisch nach: Wie funktioniert das System, was unterscheidet öffentliche von privaten Kliniken wirklich, welche risikoarmen Alternativen gibt es und was ein Geburtsplan dabei leisten kann.
Was funktioniert bei der Versorgung während Geburt und Wochenbett auf Gran Canaria gut, und wo entsteht die meiste Unsicherheit?
Die Gruppe hebt ausdrücklich hervor, was gut läuft: die kostenlosen Kurse der Hebammen in der Primärversorgung, die Familien auf Schwangerschaft, Geburt und frühe Elternschaft vorbereiten — auch wenn nicht alle Frauen erreicht werden.
Der größere Unterstützungsbedarf liegt im Wochenbett. Und das, sagt die Gruppe, sei nicht nur eine Frage des Gesundheitssystems, sondern auch eine gesellschaftliche: Nach der Geburt richtet sich die Aufmerksamkeit fast vollständig auf das Baby — Vorsorge, Impfungen, Ernährung —, während die Mutter selbst in den Hintergrund rückt, "bis sie manchmal vergisst, dass auch sie Fürsorge braucht", wie es im Interview heißt.
Ein Stillnetzwerk gibt es auf der Insel bereits recht gut ausgebaut. Was fehlt, ist eine umfassendere Begleitung danach: ein Raum, um über das Geburtserlebnis zu sprechen, den emotionalen Zustand der Mutter im Blick zu behalten, körperliche Erholung — etwa nach Dammnähten — zu begleiten und der Einsamkeit der ersten Monate etwas entgegenzusetzen.
Beobachtet ihr Unterschiede zwischen den Bedürfnissen ausländischer und einheimischer Familien?
Mit deutschen Familien im Speziellen gebe es noch zu wenig Erfahrung, um das zu beurteilen, sagt die Gruppe offen. Unterschiede zeigen sich aber generell zwischen zugezogenen und einheimischen Frauen — weniger kulturell bedingt, eher geprägt von dem, was die Frauen aus anderen Systemen bereits kennen. Wer aus einem Land mit mehr Auswahl oder anderen Versorgungsmodellen kommt, ist manchmal überrascht von den eingeschränkteren Möglichkeiten auf Gran Canaria und stößt zusätzlich auf ein Problem, das die Gruppe deutlich benennt: fehlende statistische Transparenz in den örtlichen Kliniken, die einen echten Vergleich erschwert.
Was habt ihr aus eurem Treffen mit dem Colegio de Enfermería mitgenommen?
Der Eindruck sei durchweg positiv gewesen — engagierte Hebammen mit echtem Interesse an besserer Versorgung, und im Gespräch seien mehrere Ideen für mögliche Kooperationsprojekte entstanden. Bemerkenswert ehrlich ist aber, was die Gruppe über die Zeit danach berichtet: Ihr eigentlich einfaches erstes Ziel, sich den Hebammen einfach nur vorzustellen, damit diese bei Bedarf auf die Gruppentreffen hinweisen können, hat sich bislang nicht umsetzen lassen — schlicht aus Zeit- und Kapazitätsgründen auf beiden Seiten. "Wir arbeiten weiter darauf hin," heißt es dazu. Was bleibt, ist trotzdem der Eindruck, auf ein Colegio und Fachfrauen mit echtem Interesse an besserer Versorgung getroffen zu sein — mit dem Gefühl, dass daraus noch sehr interessante Formen der Zusammenarbeit entstehen könnten.
Gibt es ein Thema, das ihr euch besser erklärt oder sichtbarer gewünscht hättet?
Zwei Dinge liegen der Gruppe besonders am Herzen: weder die Schwangerschaft zu romantisieren noch die Geburt mit Angst zu belegen, sondern sie als das zu verstehen, was sie ist — ein körperlicher Prozess, in dem die Frau selbst die Entscheidungen trifft. Und: mehr Transparenz bei Klinikstatistiken, etwa zu Kaiserschnitt-, Einleitungs- und Dammschnittraten, gerade weil sich private und öffentliche Einrichtungen darin deutlich unterscheiden. Am Ende, sagt die Gruppe, brauche vor allem das Wochenbett mehr Aufmerksamkeit — als eigene Phase, die genauso viel Fürsorge verdient wie Schwangerschaft und Geburt selbst.
Was uns an diesem Gespräch besonders hängen geblieben ist: die Lücke, die die Gruppe im Wochenbett beschreibt, kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen. Die Zeit nach der Geburt ist oft die Phase, in der das Nervensystem einer Frau am verletzlichsten ist und zugleich die Phase, in der ihr am wenigsten aktiv zugehört wird. Das ist keine Besonderheit von Gran Canaria. Es ist ein Muster, das wir in unterschiedlichen Gesundheitssystemen immer wieder finden, auch in Deutschland.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, warum uns dieses Interview so wichtig war: nicht, weil es eine Antwort liefert, sondern weil es eine Frage schärft, die weit über die Kanaren hinausreicht.
Zitate mit freundlicher Genehmigung von El Parto es Nuestro – Grupo Local Las Palmas.
Dieses Interview zeigt eine von mehreren Perspektiven auf die Versorgungssituation auf Gran Canaria. In einer mehrteiligen Recherche-Serie geht Praxis Liebenswert in den kommenden Wochen der Frage nach, warum gute Versorgung nicht überall gleich verfügbar ist — und was sich daraus für den ländlichen Raum in Deutschland lernen lässt.
Dieser Artikel ist Teil der Rubrik Kanarische Inseln
Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert
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