„Ich bin gegangen, um Abenteuer zu finden – und habe mich selbst entdeckt“
11 Jahre Kanada zwischen Freiheit, Heimweh und dem Gefühl, gleichzeitig stark und verletzlich zu sein
Es gibt Entscheidungen, die fühlen sich zuerst ein bisschen unrealistisch an.
Wie eine Idee, die man beim Kaffee ausspricht und über die alle kurz lachen.
Und dann sitzt man plötzlich zwischen Umzugskartons, verkauft die letzten Möbelstücke, lebt aus dem Koffer und merkt:
Ich gehe wirklich.
Als Sabine mit 34 Jahren nach Kanada auswanderte, sollte es ursprünglich nur ein Jahr werden. Ein letztes großes Abenteuer, bevor – wie sie selbst lachend sagt – „die offizielle Work-&-Travel-Verfallsgrenze zuschlägt“.
Heute lebt sie seit elf Jahren in Kanada.
Inzwischen in Chilliwack, British Columbia, etwa zwei Stunden von Vancouver entfernt.
Was als Abenteuer begann, wurde ein neues Leben.
Ein Interview über Aufbruch, Zugehörigkeit, Heimweh und die überraschenden Wege, auf denen wir uns selbst begegnen.
„Bevor ich zu alt bin“ – warum sie mit 34 nach Kanada ging
„Ich hatte gelesen, dass 35 die Maximalgrenze für das Work-&-Travel-Visum ist und plötzlich dachte ich: Wenn ich das jetzt nicht mache, mache ich es wahrscheinlich nie.“
Es war keine klassische Auswanderungsplanung.
Kein Businessplan. Kein Fünfjahreskonzept.
Eher dieses leise innere Ziehen, das viele Frauen kennen: Das Gefühl, dass da noch etwas erlebt werden möchte.
„Mein größter Antrieb war definitiv meine Abenteuerlust.“
Und gleichzeitig war da natürlich auch Angst.
Nicht die große dramatische Angst.
Eher diese leise, sehr reale Frage: Was, wenn es gar nicht so großartig wird, wie ich es mir ausgemalt habe?
Zwischen Koffern und Abschied: Der Moment, in dem alles real wurde
Der eigentliche Wendepunkt kam nicht am Flughafen, sondern viel früher.
„Als ich meine Wohnung aufgelöst habe und plötzlich zwischen Kisten und Koffern im WG-Zimmer meiner Freunde gelebt habe, wurde mir klar: Ich besitze gerade fast nichts mehr. Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr.“
Es ist ein Satz, den wahrscheinlich viele Frauen verstehen, die einmal ihr Leben komplett verändert haben.
Denn Übergänge beginnen selten erst mit der Abreise.
Sie beginnen oft in genau diesen stillen Zwischenmomenten: zwischen Kartons, Abschieden und der merkwürdigen Erkenntnis, dass das alte Leben bereits kleiner wird.
Viele Frauen erleben im Ausland nicht nur einen Ortswechsel – sondern eine leise Veränderung ihrer Identität -- hier weiterlesen: Leben zwischen Welten
Die Angst vor Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem anderen Leben
Ihre größte Angst?
„Definitiv Einsamkeit.“
Und vielleicht ist genau das der Teil, über den beim Thema Auswandern am wenigsten ehrlich gesprochen wird.
Denn zwischen all den Bildern von Bergen, Roadtrips und „neuem Leben“ liegt oft etwas viel Menschlicheres: die Angst, plötzlich niemanden mehr zu haben, der einen wirklich kennt.
Interessanterweise fiel ihr das Fremdsein anfangs gar nicht besonders auf.
„Ich bin mit einer Gruppe anderer Work-&-Traveller angekommen und habe zuerst in einem Skiresort gearbeitet. Dort waren eigentlich alle aus dem Ausland.“
Erst später, als ihr Umfeld kanadischer wurde, kam dieses Gefühl langsam dazu.
„Da habe ich irgendwann gemerkt: Ah. Ich bin hier tatsächlich die Fremde.“
Ein Satz, der erstaunlich viel in sich trägt.
Denn viele Frauen beschreiben genau diesen Moment als eine Art stillen Identitätsbruch. Nicht mehr ganz von dort, aber auch noch nicht ganz hier.
Was Kanada ihr gegeben hat und was sie kritisch sieht
Was sie bis heute liebt?
„Den Lebensstil. Und dass ich irgendwann tatsächlich bleiben wollte...obwohl es doch nur ein Jahr sein sollte.“
Dieses „nur ein Jahr“ scheint bei erstaunlich vielen Auswanderungsgeschichten irgendwann eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Es sitzt vermutlich gemeinsam mit „Ich schau nur mal kurz“ und „Ich wollte eigentlich nichts kaufen“ in derselben Kategorie menschlicher Selbstüberschätzung.
Und trotzdem spricht Sabine nicht romantisierend über Kanada.
Besonders kritisch sieht sie die geringe Zahl an Urlaubstagen, die Altersvorsorge, das Gesundheitssystem und die oft unausgeglichene Work-Life-Balance.
„Viele Menschen arbeiten hier extrem viel. Balanced ist die Work-Life-Balance oft nicht wirklich.“
Gerade für sensible Frauen kann das ein wichtiger Punkt sein.
Denn nicht jedes schöne Land bedeutet automatisch ein nervensystemfreundliches Leben.
Wann aus Abenteuer plötzlich Alltag wird
Angekommen fühlte sie sich überraschend schnell.
Nicht wegen eines großen magischen Moments.
Sondern wegen etwas viel Einfacherem: Alltag.
„Ich bin zunächst ein bisschen gereist und habe dann meine Basis aufgebaut. Freunde hatten kanadische Bekannte, bei denen ich wohnen konnte. Dann kam der Job, die ersten Freundschaften … und irgendwann dachte ich plötzlich: Ich bin angekommen.“
Vielleicht ist das überhaupt eines der größten Missverständnisse über Auswandern: Dass Ankommen sich spektakulär anfühlen müsste.
Dabei entsteht Zugehörigkeit oft ganz leise.
Zwischen Supermarkt, Arbeitsweg und Menschen, die anfangen, selbstverständlich zu werden.
„Ich habe gelernt, dass ich stärker bin, als ich dachte“
Elf Jahre Ausland verändern einen Menschen.
Nicht immer laut...aber tief.
„Ich habe gelernt, dass ich stärker und mutiger bin, als ich dachte.“
Und noch etwas hat sich verändert: Ungeduld.
„Ich nehme inzwischen vieles weniger ernst.“
Sie lächelt dabei.
Und erzählt, dass sie außerdem gelernt habe, wie wenig Luxusgüter man eigentlich wirklich brauche.
„Und ich habe ungesunde Freundschaften losgelassen.“
Das klingt zunächst unspektakulär, ist aber oft eine der größten Veränderungen beim Leben im Ausland: Dass plötzlich klar wird, welche Beziehungen wirklich tragen.
Und welche vielleicht nur aus Gewohnheit existiert haben.
Heimweh verändert sich mit dem Alter
Eine der ehrlichsten Stellen unseres Interviews entsteht, als wir zum Thema Heimweh kommen.
„Deutschland selbst vermisse ich eigentlich nicht. Ich vermisse Menschen.“
Dieser Unterschied ist wichtig.
Denn Heimweh ist oft viel weniger ortsbezogen, als viele denken.
Es geht selten um Straßen oder Häuser.
Es geht um Stimmen, vertraute Dynamiken, gemeinsame Erinnerungen und das Gefühl, irgendwo vollständig eingeordnet zu sein.
Sabine telefoniert regelmäßig mit Familie und Freunden und fliegt etwa alle zwei Jahre nach Deutschland.
Und dann kommt dieser eine Satz, der lange nachhallt: „Je älter ich werde, desto schwieriger werden die Verabschiedungen.“
Weil irgendwann plötzlich mitgedacht wird: Wie viele Besuche wird es noch geben?
Und genau das ist vielleicht die stillste Seite des Auswanderns...Freiheit bedeutet manchmal gleichzeitig Traurigkeit.
Stärke und Verletzlichkeit schließen sich nicht aus
Heute, mit Mitte 40, sieht sie Stärke anders als früher.
„Ich habe gelernt, dass Stärke und Verletzlichkeit Hand in Hand gehen.“
Und dann folgt dieser eine Satz, den man sich eigentlich irgendwo aufschreiben möchte:
„Verletzlichkeit heißt nicht, dass man ein Weichei ist. Und Stärke heißt nicht, dass man ein grober Klotz sein muss.“
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Erkenntnisse vieler Frauen in der Lebensmitte.
Man muss nicht mehr ständig beweisen, wie hart man ist.
Wahre Stärke sieht oft viel weicher aus.
Was das Leben im Ausland über Mitgefühl gelehrt hat
Eine Veränderung, über die Sabine heute besonders nachdenkt, hat mit ihrem Blick auf andere Menschen zu tun.
„Meine Persönlichkeit hat sich eigentlich nicht stark verändert. Aber mein Verständnis für Menschen, die in einem fremden Land leben, hat sich komplett verändert.“
Wer selbst einmal die Neue war, versteht plötzlich vieles anders.
„Auch wenn man sich das Leben im Ausland ausgesucht hat, sind nicht alle Einheimischen begeistert, dass wieder jemand von außen kommt. Ich hatte Glück und nur wenige negative Erfahrungen. Aber ich fühle heute viel stärker mit Menschen, denen es nicht so leicht gemacht wird.“
Vielleicht gehört genau das zu den stillen Geschenken eines Lebens im Ausland: Dass man nicht nur eine neue Kultur kennenlernt. Sondern auch eine neue Perspektive auf andere Menschen.
„Du bist keine Gefangene im Ausland“
Was würde sie heute anderen Frauen sagen, die mit dem Gedanken spielen auszuwandern?
„Vertraue deinem Instinkt.“
Und: Lass dich nicht von den Ängsten anderer Menschen aufhalten.
Aber einer ihrer wichtigsten Sätze ist ein anderer: „Du bist keine Gefangene im Ausland.“
Wenn es sich falsch anfühlt, darf man gehen.
Wenn es schwer wird, darf man zweifeln.
Und wenn es Zeit braucht, darf man kämpfen.
„Gib nicht sofort auf. Versuch erstmal für das zu kämpfen, was du dir erträumt hast.“
Vielleicht ist genau das die Wahrheit über das Leben im Ausland
Dass man irgendwann versteht: Stärke bedeutet nicht, keine Sehnsucht mehr zu haben...sondern trotz Sehnsucht geblieben zu sein.
Und vielleicht ist genau das am Ende die eigentliche Reise.
Nicht nur ein anderes Land zu entdecken...eher eine Version von sich selbst,
die man im alten Leben nie kennengelernt hätte.
📍 Sabine, 45, lebt seit 2014 in Kanada
Nach mehreren Zwischenstationen wohnt sie heute in Chilliwack, British Columbia – etwa zwei Stunden von Vancouver entfernt.
FAQ
Wie fühlt sich das Leben im Ausland langfristig an?
Das Leben im Ausland verändert sich mit den Jahren. Viele Frauen erleben zunächst Abenteuer und Freiheit, später aber auch Themen wie Heimweh, Identitätsveränderung und emotionale Übergänge.
Vermissen Auswanderer eher Menschen oder ihre Heimat?
Viele Auswanderer vermissen weniger das Land selbst als vielmehr Familie, vertraute Beziehungen und gemeinsame Erinnerungen.
Wie verändert Auswandern die Persönlichkeit?
Viele Menschen erleben sich im Ausland mutiger, selbstständiger und klarer in ihren Beziehungen. Gleichzeitig entstehen oft neue Formen von Verletzlichkeit und Sehnsucht.
Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert
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