
Was kommt vor dem Kinderwunschzentrum?
Die Versorgungslücke im „Dazwischen“
Wenn eine Schwangerschaft auf sich warten lässt, beginnt für viele Frauen eine merkwürdige Zwischenzeit. Weiter abwarten? Noch genauer den Zyklus beobachten? Zur Frauenärztin? Oder ist es schon Zeit für ein Kinderwunschzentrum?
Im schriftlichen Interview mit Praxis Liebenswert beschreibt Medgate-Geschäftsführer Jörg Weise genau dieses „Dazwischen“ als Versorgungslücke. Und wirft damit eine größere Frage auf:
Was wäre, wenn digitale Medizin nicht noch mehr Daten liefert – sondern dabei hilft, den nächsten sinnvollen Schritt zu erkennen?
Vielleicht sind es sechs Monate.
Vielleicht acht.
Vielleicht auch erst vier – und trotzdem ist da längst dieses Gefühl, dass Kinderwunsch plötzlich mehr geworden ist als etwas, das einfach passieren darf.
Du kennst inzwischen deine Zykluslänge. Vielleicht benutzt du Ovulationstests oder eine App. Du hast gelesen, welche Rolle Alter, Hormone, Schilddrüse, Spermiogramm, AMH-Wert, Ernährung und Stress spielen können. Möglicherweise weißt du heute sehr viel mehr über Fruchtbarkeit als noch vor einem Jahr.
Nur eine Frage ist dadurch nicht unbedingt leichter geworden: Was bedeutet all dieses Wissen eigentlich für mich?
Für ein Kinderwunschzentrum fühlt es sich vielleicht noch zu früh an. Gleichzeitig reicht „Versuchen Sie es einfach noch eine Weile“ irgendwann nicht mehr als Antwort.
Wo gehst du also hin, wenn du noch keine reproduktionsmedizinische Behandlung brauchst – aber auch nicht mehr einfach nur abwarten möchtest?
Das „Dazwischen“ hat bisher wenig Platz
Auf unsere Frage nach der größten Versorgungslücke beim frühen unerfüllten Kinderwunsch benennt Jörg Weise, Geschäftsführer von Medgate Deutschland und Mitentwickler des telemedizinischen Kinderwunschprogramms Lunara+, einen Bereich besonders deutlich:
„Die größte Versorgungslücke sehe ich tatsächlich im ‚Dazwischen‘“.
Auf der einen Seite steht die gynäkologische Praxis. Auf der anderen das Kinderwunschzentrum mit weiterführender Diagnostik und reproduktionsmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten.
Dazwischen können Monate liegen.
Monate, in denen Fragen entstehen, die sich nicht immer mit einem weiteren Zyklus beantworten lassen:
Findet tatsächlich regelmäßig ein Eisprung statt? Wann genau? Liegt der Geschlechtsverkehr im fruchtbaren Zeitfenster? Gibt es Hinweise darauf, dass weitere Diagnostik sinnvoll wäre? Sollte auch der Partner untersucht werden? Oder spricht im Moment vieles dafür, dem Körper schlicht noch Zeit zu geben?
Weise sieht darin nicht automatisch einen Grund, früher mit Reproduktionsmedizin zu beginnen.
Im Gegenteil.
Seine These ist eine andere: Vielleicht fehlt vor diesem Schritt eine Versorgungsstufe.
Lunara+ ist damit Teil einer wachsenden digitalen Versorgungslandschaft für Frauen. In unserer Rubrik „Digitale Gesundheitshelfer“ ordnen wir Apps, DiGA, Telemedizin und andere digitale Angebote nach Nutzen, Grenzen und konkreter Lebenssituation ein.
Nicht jede Unsicherheit braucht sofort eine Kinderwunschbehandlung
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Denn zwischen „Es klappt bisher nicht“ und „Ich brauche reproduktionsmedizinische Behandlung“ liegt kein Automatismus.
Eine vom Bundesfamilienministerium veröffentlichte Studie zur ungewollten Kinderlosigkeit liefert dazu einen interessanten Befund: Von den befragten ungewollt kinderlosen Frauen hatten 19 Prozent zuvor mindestens eine von elf abgefragten medizinischen Maßnahmen erfolglos genutzt. Alternative Medizin wurde bei dieser Berechnung nicht berücksichtigt. Je nach Alter unterschied sich der Anteil: Bei den 20- bis 29-Jährigen waren es 17 Prozent, bei den 30- bis 39-Jährigen 18 Prozent und bei den 40- bis 50-Jährigen 31 Prozent.
Die Zahlen stammen aus der Studie „Ungewollte Kinderlosigkeit 2020“ und sollten nicht als aktuelle Prävalenzmessung für das Jahr 2026 verstanden werden. Die Untersuchung zeigt aber, dass sich ein erheblicher Teil der befragten Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch auseinandersetzte, ohne zuvor eine der abgefragten medizinischen Maßnahmen genutzt zu haben.
Die interessantere Frage ist ohnehin nicht, wie viele Frauen möglichst früh medizinisch behandelt werden sollten.
Vielmehr: Welche Unterstützung braucht eine Frau, bevor überhaupt klar ist, ob sie Behandlung benötigt?
Genau an dieser Stelle setzt Lunara+ an.
Ein Versuch, diese Lücke zu schließen
Lunara+ ist ein zwölfmonatiges telemedizinisches Kinderwunschprogramm von Medgate Deutschland in Partnerschaft mit VivoSensMedical. Es verbindet den OvulaRing – ein CE-gekennzeichnetes Medizinprodukt der Klasse IIa zur kontinuierlichen Erfassung der Körperkerntemperatur – mit telemedizinischer ärztlicher Begleitung.
Das Ziel ist nicht, die Frauenarztpraxis zu ersetzen.
Und auch nicht, ein Kinderwunschzentrum ins Smartphone zu verlegen.
Weise beschreibt die Idee vielmehr als eine diagnostische und ärztlich begleitete Zwischenstufe.
Über mehrere Zyklen können Daten gesammelt und gemeinsam mit Ärzt:innen betrachtet werden. Dabei geht es beispielsweise um die Frage, ob und wann eine Ovulation stattfindet und ob sich Hinweise auf Auffälligkeiten im Zyklus zeigen.
Eine 2020 veröffentlichte prospektive Studie untersuchte bei 51 Frauen mit Infertilität, ob kontinuierliches Körpertemperaturmonitoring mit einem vaginalen Biosensor die Standarddiagnostik ovulatorischer Dysfunktionen ergänzen kann. Die Ergebnisse zeigten Unterschiede unter anderem bei Frauen mit Lutealphasenstörung und PCOS; die Autor:innen kamen zu dem Schluss, dass kontinuierliche Temperaturmessung bestehende diagnostische Verfahren ergänzen kann.
Wichtig ist dabei das Wort: ergänzen.
Manche Antworten gibt es nicht per App
Ultraschalluntersuchungen lassen sich nicht digitalisieren.
Die Durchgängigkeit der Eileiter lässt sich nicht aus einer Temperaturkurve ablesen.
Abstriche, körperliche Untersuchungen oder invasive diagnostische und therapeutische Maßnahmen brauchen weiterhin Versorgung vor Ort.
Auch Lunara+ weist selbst darauf hin, dass telemedizinische Fernbehandlung diagnostische und therapeutische Grenzen hat und je nach Situation Untersuchungen bei Ärzt:innen vor Ort erforderlich sein können.
Weise formuliert es deutlich: „Lunara+ soll die Frauenärztin oder den Frauenarzt deshalb ausdrücklich nicht ersetzen.“
Wenn weiterführende reproduktionsmedizinische Diagnostik oder Behandlung notwendig wird, führt der Weg ins Kinderwunschzentrum.
Digitalisierung soll diesen Übergang also nicht verhindern.
Sie könnte helfen, besser zu erkennen, wann er sinnvoll ist.
Wenn aus Beobachten plötzlich Optimieren wird
Denn es gibt noch eine zweite Seite der digitalen Kinderwunschwelt.
Wer versucht, schwanger zu werden, kann heute unglaublich viel messen.
Zykluslänge. Temperatur. LH-Anstieg. Schlaf. Bewegung. Symptome. Zervixschleim. Nahrungsergänzung. Vielleicht irgendwann Laborwerte.
Was zunächst Sicherheit geben soll, kann sich langsam verändern.
Aus “Ich möchte meinen Körper besser verstehen” wird:
Was habe ich diesen Monat falsch gemacht?
War das Timing falsch?
War die Temperatur ungewöhnlich?
Hätte ich weniger Stress haben müssen?
Mehr schlafen?
Anders essen?
Noch genauer messen?
Weise kennt diese Spannung.
„Gerade beim Kinderwunsch kann aus Selbstbeobachtung schnell Selbstoptimierung werden.“ Seine Schlussfolgerung ist bemerkenswert – gerade für jemanden, der ein datenbasiertes Versorgungsangebot mitentwickelt hat.
Die Antwort auf mehr Daten könne nicht sein, dass Frauen anschließend auch noch selbst sämtliche Daten interpretieren müssen.
Der Sensor misst.
Aber die Patientin soll nicht allein vor der Kurve sitzen und versuchen, daraus eine medizinische Bedeutung abzuleiten.
Im besten Fall kann eine ärztliche Einordnung sogar zu einem Satz führen, den manche Frauen im Kinderwunsch vermutlich viel zu selten hören: „Ihr Zyklus sieht unauffällig aus. Sie müssen gerade nicht noch mehr optimieren.“
Und dann ergänzt Weise einen Satz, der weit über Lunara+ hinausweist:
„Technologie sollte Unsicherheit reduzieren – nicht neue schaffen.“
Vielleicht fehlt uns gar nicht mehr Information
Das führt zu einer Frage, die uns bei Praxis Liebenswert schon lange beschäftigt.
Wir leben nicht in einer Zeit, in der Frauen überhaupt keine Informationen über ihren Körper finden.
Im Gegenteil.
Wer heute nach Kinderwunsch und Fruchtbarkeit sucht, kann innerhalb eines Abends mehr lesen, als sich sinnvoll verarbeiten lässt.
AMH.
Progesteron.
PCOS.
Endometriose.
Schilddrüse.
Alter.
Spermiogramm.
Folsäure.
Lebensstil.
Zyklusphasen.
Einnistung.
Ovulationsstörungen.
Und irgendwann sitzt du vor 17 geöffneten Browser-Tabs und weißt immer noch nicht, was du am Montag tun sollst.
Weise beschreibt genau dieses Problem: „Das Problem ist heute häufig nicht zu wenig Information, sondern zu viel ungefilterte Information.“
Was Patientinnen aus seiner Sicht stattdessen brauchen, sind individuelle Daten, medizinische Einordnung und einen nachvollziehbaren nächsten Schritt.
Oder einfacher...
Nicht: Was könnte alles sein?
Vielmehr: Was davon ist für mich gerade relevant?
Und danach: Was mache ich damit?
Wenn du gerade selbst in dieser Zwischenzeit steckst, findest du in unserer Themenwelt Kinderwunsch & Nervensystem weitere Einordnungen rund um unerfüllten Kinderwunsch, Fruchtbarkeit und die nächsten möglichen Schritte.
Information ist noch keine Orientierung
Genau darin liegt ein Unterschied, der für digitale Gesundheitsangebote entscheidend sein könnte. Gesundheitsinformation kann erklären, welche Ursachen ein unerfüllter Kinderwunsch haben kann. Orientierung beantwortet eine andere Frage:
Welche dieser Informationen ist in meiner jetzigen Situation relevant und was könnte mein nächster sinnvoller Schritt sein?
Dafür braucht es Kontext und Priorisierung. Und wenn medizinische Entscheidungen getroffen werden, medizinische Verantwortung.
Weise bringt es auf einen einfachen Punkt: „Orientierung entsteht deshalb nicht durch möglichst viele Informationen.“
Vielleicht sollten wir digitale Gesundheitsangebote deshalb weniger danach beurteilen, wie viele Daten sie erzeugen können.
Und stärker danach, was anschließend mit diesen Daten passiert.
Zukunftslabor: Entsteht gerade eine neue Versorgungsstufe?
An dieser Stelle wird Lunara+ für uns besonders interessant.
Nicht nur als Kinderwunschprogramm.
Vielmehr als Experiment mit einer größeren Frage:
Wie könnte Versorgung aussehen, wenn wir die Lücken zwischen bestehenden Angeboten ernst nehmen?
Weise erwartet, dass sich zwischen gynäkologischer Praxis und Kinderwunschzentrum künftig eine zusätzliche Versorgungsstufe entwickeln könnte.
Telemedizin und digitale Diagnostik könnten eine kontinuierlichere Begleitung über mehrere Monate ermöglichen. Patientinnen könnten früher Orientierung erhalten. Niedergelassene Praxen könnten bei zeitintensiven Verlaufsbeobachtungen ergänzt werden. Und falls später ein Kinderwunschzentrum notwendig wird, könnten bereits strukturierte Informationen über den bisherigen Verlauf vorliegen.
Das ist zunächst seine Einschätzung – keine feststehende Entwicklung.
Aber sie berührt eine spannende Frage für die Zukunft der Frauengesundheit: Warum denken wir Versorgung eigentlich so häufig in einzelnen Stationen?
Frauenarzt.
App.
Telemedizin.
Kinderwunschzentrum.
Labor.
Beratungsstelle.
Vielleicht liegt ein Teil der eigentlichen Innovation gar nicht darin, noch eine Station hinzuzufügen. Sondern die Übergänge zwischen ihnen besser zu gestalten.
Die Frage reicht damit über Lunara+ hinaus: Wie müssen Versorgungsstrukturen aussehen, wenn digitale Medizin nicht einfach einen weiteren Kanal schaffen, sondern echte Lücken schließen soll? Genau solchen Entwicklungen gehen wir im Zukunftslabor Frauengesundheit nach.
Denn Daten tragen keine Verantwortung
Bei aller Begeisterung für digitale Diagnostik zieht Weise selbst eine klare Grenze:
„Digitale Diagnostik kann sehr viele Daten erzeugen – aber Daten treffen keine medizinischen Entscheidungen.“
Lunara+ beschreibt das auch formal eindeutig: Die telemedizinische Beratung stellt einen Behandlungsvertrag dar; die ärztliche Behandlungshoheit liegt bei den behandelnden Medgate-Ärzt:innen.
Digitalisierung kann also Aufgaben verändern und neue Formen kontinuierlicher Begleitung ermöglichen.
Ärztliche Verantwortung hebt sie nicht auf.
Vielleicht brauchen wir bessere Übergänge
Und damit kommen wir zurück zu der Frau vom Anfang.
Vielleicht braucht sie noch kein Kinderwunschzentrum.
Vielleicht braucht sie weitere Diagnostik.
Vielleicht sollte ihr Partner untersucht werden.
Vielleicht zeigt sich tatsächlich eine Zyklusauffälligkeit.
Und vielleicht ist medizinisch gerade alles unauffällig und sie darf für eine Weile aufhören, nach dem nächsten Wert zu suchen, den sie noch optimieren könnte.
Der entscheidende Unterschied wäre: Sie müsste diese Möglichkeiten nicht allein sortieren.
Das ist letztlich die größere Idee hinter dem „Dazwischen“.
Nicht jede Phase unseres Lebens passt sauber in eine bestehende Versorgungsschublade.
Und vielleicht muss gute digitale Medizin deshalb auch nicht versuchen, die nächste Praxis zu ersetzen.
Vielleicht kann sie aber einfach Übergänge sichtbar machen.
Und sagen: Hier stehst du.
Das wissen wir.
Das wissen wir noch nicht.
Und das könnte dein nächster sinnvoller Schritt sein.
Manchmal ist genau das der Moment, in dem aus sehr vielen Informationen endlich etwas anderes wird: Orientierung.
Weiterlesen bei Praxis Liebenswert
Digitale Gesundheitsangebote können Orientierung schaffen – aber nicht jedes Angebot passt zu jeder Frau und jeder Situation. In „Digitale Gesundheitshelfer“ schauen wir deshalb genauer hin: Was kann ein Angebot leisten, was nicht – und wann braucht es einen anderen nächsten Schritt?

Über den Interviewpartner
Mag. Jörg Weise ist Geschäftsführer der Medgate Deutschland GmbH und hat Lunara+ als medizinisches Kinderwunschprogramm mitentwickelt. Lunara+ nennt ihn als Gründer und Geschäftsführer des Angebots.
Nach seiner für dieses Interview zur Verfügung gestellten Vita arbeitet er seit mehr als 15 Jahren im Gesundheitswesen und war unter anderem in Gesundheitspolitik, Biotechnologie, Gesundheitsökonomie sowie im Bereich KI-gestützter Versorgungslösungen tätig.

Was ist Lunara+?
Lunara+ ist ein zwölfmonatiges telemedizinisches Kinderwunschprogramm von Medgate Deutschland in Partnerschaft mit VivoSensMedical. Es kombiniert den OvulaRing zur kontinuierlichen Erfassung der Körperkerntemperatur mit telemedizinischer ärztlicher Begleitung. Der OvulaRing ist ein CE-gekennzeichnetes Medizinprodukt der Klasse IIa.
Transparenz
Grundlage dieses Beitrags ist ein schriftliches Interview von Praxis Liebenswert mit Jörg Weise. Seine Aussagen und Einschätzungen wurden redaktionell eingeordnet und, wo erforderlich, um weitere Quellen ergänzt.
Für dieses Interview und diesen Beitrag erhält Praxis Liebenswert keine Vergütung. Es besteht keine bezahlte Kooperation mit Lunara+ oder Medgate im Zusammenhang mit diesem Beitrag.
Quellen
Bundesfamilienministerium: Ungewollte Kinderlosigkeit 2020
Studie: Continuous Body Temperature Monitoring to Improve the Diagnosis of Female Infertility
Lunara+ – Über das Programm
Lunara+ – Programmbedingungen und telemedizinische Leistungen