Hebammenmangel - Verteilung statt Mangel

Veröffentlicht am 23. September 2026 um 09:00
Hebammenmangel Kanarische Inseln

Serie „Was Inseln über die Zukunft der Frauengesundheitsversorgung zeigen können"

Wenn 300 Hebammen für zwei Millionen Menschen sorgen sollen

Auf den Kanaren fehlen Hebammen – und auf einer Insel wird besonders deutlich, was passiert, wenn Versorgung nicht einfach ein paar Kilometer weiter verfügbar ist...

 

Las Palmas hat eine der bestbewerteten Geburtskliniken Spaniens. Gleichzeitig fehlen auf den Kanarischen Inseln nach Angaben des Colegio Oficial de Enfermería de Las Palmas (CELP) rund 300 Hebammen, um den europäischen Durchschnitt zu erreichen. Zwei Aussagen, die beide stimmen  und die zeigen, dass die eigentliche Frage nicht lautet, ob es genug Hebammen gibt, sondern was mit „genug" eigentlich gemeint ist.

Für diesen Beitrag haben wir beim CELP schriftlich nachgefragt, was hinter der Zahl 300 steckt, welche Folgen der Mangel für die Versorgung von Frauen hat und welche Maßnahmen aktuell diskutiert werden. Die Antworten zeichnen ein differenzierteres Bild, als eine einzelne Zahl es vermuten lässt.

300 Hebammen, zwei Inseln, eine Wahrnehmungslücke

Die Zahl 300 ist keine Liste unbesetzter, budgetierter Stellen. Sie beschreibt laut CELP eine geschätzte Lücke zwischen der aktuellen Personaldecke und dem, was nötig wäre, um sich europäischen Standards anzunähern. Um diese Lücke zu berechnen, reicht die absolute Zahl an Hebammen nicht aus – entscheidend ist das Verhältnis zur Bevölkerung, die versorgt werden muss, insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter.

Spanien liegt hier laut CELP bereits insgesamt deutlich unter dem europäischen Durchschnitt: etwa sechs Hebammen pro 10.000 Frauen zwischen 14 und 65 Jahren, gegenüber rund neun in Europa. Auf die demografische und versorgungstechnische Realität der Kanaren übertragen, ergibt sich daraus ein spürbares Defizit an Spezialistinnen.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die das Colegio selbst betont: Der allgemeine Pflegekräftemangel und der spezifische Hebammenmangel sind nicht dasselbe. Die Kanaren liegen bei den allgemeinen Pflegekennzahlen nahe am spanischen Durchschnitt – bei Hebammen jedoch nicht. Und weil es sich um Inseln handelt, lässt sich das Problem nicht als eine einzige Provinzzahl behandeln: Jede Insel – Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura – braucht eine eigene Mindestausstattung, um eine kontinuierliche, sichere Versorgung zu gewährleisten.

Wenn Bedürfnisse nicht verschwinden, nur weil das Personal fehlt

Was bedeutet dieser Mangel konkret für Frauen? Laut CELP verschwinden ihre Bedürfnisse nicht, wenn Hebammen fehlen – was sinkt, ist die Fähigkeit des Systems, sie mit Kontinuität, Erreichbarkeit und ausreichend Zeit zu begleiten.

Das liegt auch daran, dass der Aufgabenbereich einer Hebamme weit über den Kreißsaal hinausgeht. Er umfasst Familienplanung und Verhütung, sexuelle und reproduktive Gesundheit, Stillberatung, Begleitung bei perinatalem Verlust, Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge sowie Betreuung rund um Wechseljahre und Klimakterium.

Wenn die Personaldecke knapp ist, muss das System laut CELP priorisieren – und priorisiert wird das Dringlichste: die Geburt selbst. Das kann laut Colegio zu höheren Fallzahlen pro Fachkraft führen, zu weniger Zeit pro Frau, zu Schwierigkeiten, Kontinuität in der Betreuung zu halten, und zu weniger Kapazität für Prävention, Gesundheitsbildung, Hausbesuche und gemeindenahe Versorgung.

Genau das ist der Kern dessen, was in dieser Serie als Verschiebungs-These bezeichnet werden soll: Personal wird bei Knappheit nicht einfach weniger – es wird innerhalb des Systems verschoben. Was bleibt, ist die akute Versorgung. Was zuerst wegfällt, ist alles, was vorbeugend, begleitend und langfristig wirkt.

Die Drei-Jahres-Bindung: eine gute Nachricht mit eingebauter Grenze

In diesem Jahr hat der Servicio Canario de la Salud erstmals eine gezielte Personalbindungsmaßnahme eingeführt, finanziert mit europäischen Mitteln: Hebammen, die ihre Ausbildung auf den Kanaren abgeschlossen haben, erhalten Verträge über drei Jahre. Das Colegio bewertet das ausdrücklich positiv – es schafft Stabilität für Fachkräfte, die auf den Inseln ausgebildet wurden, und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie dort bleiben.

Bemerkenswert ist, wie das Colegio diese gute Nachricht selbst einordnet. Personalbindung, so die klare Botschaft, ist nicht dasselbe wie ein realer Ausbau der Stellen. Die diesjährigen Einstellungen haben das bestehende Defizit nicht ausgeglichen – es kam sogar zu Umverteilungen: Hebammen, die bereits auf konsolidierten Stellen in anderen Bereichen tätig waren, wurden in die Geburtshilfe zurückgeholt, um dort die Versorgung zu sichern. Das hält den Kreißsaal funktionsfähig, verringert aber die Verfügbarkeit von Hebammen in genau den Bereichen, die laut Colegio ohnehin zuerst unter Druck geraten: Prävention, Aufklärung, gemeindenahe Betreuung.

Eine Berufskammer, die die eigene gute Nachricht selbst relativiert, statt sie unkommentiert als Erfolg zu verkaufen, ist im Gesundheitsjournalismus selten. Es lohnt sich, diesen Satz nicht als Randbemerkung, sondern als eigentlichen Kern der Antwort zu lesen.

Was das Colegio für die Zukunft fordert

Das CELP formuliert eine Reihe klarer Forderungen. Die Ausbildungskapazität soll weiter wachsen – für die Provinz Las Palmas wurden für den Jahrgang 2026 insgesamt 15 neue spezialisierte Ausbildungsplätze (EIR) genehmigt: zehn auf Gran Canaria, drei auf Lanzarote, zwei auf Fuerteventura. Das Colegio betont aber, dass mehr Ausbildung allein das Problem nicht löst, wenn die ausgebildeten Hebammen anschließend nicht gehalten werden können. Nötig seien stabile Beschäftigung, angemessene Arbeitsbedingungen und vor allem Planstellen, die tatsächlich mit Hebammen besetzt werden, nicht mit anderem Personal.

Ebenso zentral: die volle Nutzung des Kompetenzspektrums der Hebamme. Ihre Arbeit endet laut Colegio nicht mit Schwangerschaft und Geburt – Bereiche wie sexuelle und reproduktive Gesundheit, Verhütung, Wochenbett, Wechseljahre, Prävention und gemeindenahe Versorgung böten erhebliches, bislang ungenutztes Potenzial für das Gesundheitssystem insgesamt.

Ein globales Muster: was internationale Daten zeigen

Die Kanaren sind kein Einzelfall. Nach einer im Januar 2026 veröffentlichten Untersuchung der International Confederation of Midwives fehlen weltweit rund 980.000 Hebammen, verteilt auf 181 Länder. Auch innerhalb Europas ist die Versorgungsdichte alles andere als einheitlich: Daten der WHO Europe zeigen eine bis zu fünffache Schwankungsbreite zwischen einzelnen Ländern.

Warum das mehr ist als eine Randnotiz, zeigt eine große Cochrane-Übersichtsarbeit zu hebammengeleiteter, kontinuierlicher Betreuung: In einer Auswertung von 17 Studien mit über 18.000 Frauen fanden sich bei kontinuierlicher Hebammenbetreuung weniger Kaiserschnitte und instrumentelle Geburten, mehr spontane Geburtsverläufe und eine höhere Zufriedenheit der Frauen. Die Studien stammen allerdings überwiegend aus Ländern wie Australien, Kanada und Großbritannien und beziehen sich vor allem auf Schwangerschaften mit niedrigem Risiko – sie lassen sich nicht eins zu eins auf die kanarische oder deutsche Versorgungsrealität übertragen. Sie deuten aber in dieselbe Richtung wie die Beobachtungen des CELP: Kontinuität in der Betreuung ist kein Komfortmerkmal, sondern ein Faktor, der messbare Unterschiede macht.

Wer entscheidet eigentlich, was verschiebbar ist?

Eine Frage stellt sich am Ende, die im Gespräch mit dem Colegio nicht beantwortet wurde und die vermutlich auch niemand allein beantworten kann: Wer entscheidet eigentlich, welche Aufgaben einer Hebamme aufgeschoben werden können, wenn das Personal knapp ist – und welche nicht? Dass der Kreißsaal Vorrang vor der Wechseljahresberatung hat, wirkt zunächst plausibel. Aber genau diese Priorisierung ist eine Entscheidung, keine Naturgesetzmäßigkeit – eine Entscheidung, die selten offen diskutiert wird, obwohl sie bestimmt, welche Versorgung Frauen über weite Strecken ihres Lebens tatsächlich erreicht.

Ausblick

Was der Blick auf die Kanaren zeigt, ist unbequemer als eine einfache „Zu-wenig-Personal"-Erzählung: Selbst dort, wo neue Stellen geschaffen und Fachkräfte gebunden werden, bleibt die Verteilung dieser knappen Ressource eine offene, politische Frage. Im nächsten Teil dieser Serie geht es um eine Ärztin, die mit genau diesem Verteilungsproblem ganz praktisch umgeht – indem sie zwischen zwei Inseln pendelt.

 

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Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert

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