Warum extreme Hitze hochsensible Frauen oft stärker belastet
Und weshalb dein Nervensystem im Sommer vielleicht gar nicht „zu empfindlich“ ist
Es gibt diese Sommertage, an denen schon morgens alles zu viel ist.
Die Sonne scheint durchs Fenster, obwohl du die Rollläden längst heruntergelassen hast. Die Luft steht. Dein T-Shirt klebt schon nach wenigen Minuten am Rücken. Draußen lachen Kinder im Freibad, irgendwo springt ein Rasenmäher an und dein Handy zeigt zum fünften Mal an diesem Vormittag eine Hitzewarnung.
Eigentlich ist es ein schöner Tag...so sagen es zumindest alle.
„Genieß doch das Wetter!“
„Endlich Sommer!“
„Das ist doch herrlich!“
Und du sitzt da und fragst dich heimlich: Warum macht mir das so zu schaffen?
Vielleicht kennst du ja dieses Gefühl.
Während andere den Sommer kaum erwarten können, beginnt dein Körper irgendwann zu protestieren. Du schläfst schlechter. Deine Geduld ist schneller aufgebraucht. Du bist gereizter, erschöpfter oder möchtest einfach nur, dass endlich eine Wolke vor die Sonne zieht.
Und dann kommt oft noch dieser Gedanke dazu: "Stell dich nicht so an."
Ich glaube, genau dieser Satz sorgt dafür, dass viele hochsensible Frauen ihre eigenen Körperreaktionen irgendwann infrage stellen.
Dabei lohnen sich vielleicht ganz andere Fragen...
Was wäre, wenn dein Körper gar nicht übertreibt?
Was wäre, wenn er einfach mehr wahrnimmt?
Vielleicht ist Hitze gar nicht das eigentliche Problem
Wenn wir an Hitze denken, denken wir meistens an Temperatur.
35 Grad.
38 Grad.
40 Grad.
Als würde unser Körper nur auf eine Zahl reagieren.
Aber genau das passiert nicht.
Hitze ist für unser Nervensystem viel mehr als warme Luft, sie verändert beinahe alles gleichzeitig.
Das Licht wird intensiver.
Geräusche wirken oft lauter, weil sich das Leben nach draußen verlagert.
Die Kleidung fühlt sich plötzlich anders auf der Haut an.
Schweiß verändert das Körpergefühl.
Gerüche werden intensiver wahrgenommen.
Der Schlaf wird unruhiger...die Herzfrequenz steigt.
Die Konzentration sinkt.
Viele Menschen sind gereizter und die Städte werden lauter.
Und selbst der eigene Atem fühlt sich manchmal schwerer an.
Wenn man sich das einmal bewusst macht, wird schnell klar: Vielleicht reagiert dein Körper gar nicht auf die Hitze, vielleicht reagiert er auf die Summe aller Reize.
Und genau hier beginnt das Thema Hochsensibilität plötzlich eine ganz neue Richtung einzuschlagen.
Das Nervensystem zählt keine Grad Celsius
Es zählt Reize...
Das finde ich einen unglaublich beruhigenden Gedanken.
Denn viele hochsensible Frauen beschreiben im Sommer etwas, das sich nur schwer erklären lässt.
Bestimmt hast du auch schon mal Sätze gehört (oder vielleicht selbst gesagt) wie:
"Ich halte meine Haut kaum aus."
"Ich fühle mich innerlich unruhig."
"Ich bin völlig erschöpft, obwohl ich gar nichts gemacht habe."
"Ich könnte ständig weinen."
"Ich möchte einfach nur allein sein."
Lange dachte ich, solche Aussagen seien einfach sehr individuelle Erfahrungen. Heute sehe ich sie aber etwas anders. Wir wissen inzwischen aus der Forschung zur Hochsensibilität, dass fein verarbeitende Nervensysteme Umweltreize häufig intensiver aufnehmen und tiefer verarbeiten als andere Menschen. Das bedeutet nicht, dass sie "schwächer" sind. Es bedeutet lediglich, dass sie mehr Informationen gleichzeitig verarbeiten. Und genau deshalb kann ein Sommertag, der für den einen angenehm ist, für einen anderen wie ein kleiner Hindernislauf wirken.
Nicht weil die Sonne stärker scheint. Einfach weil das Nervensystem gleichzeitig Licht, Wärme, Geräusche, Gerüche, Berührungen, soziale Situationen und körperliche Veränderungen verarbeitet.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl.
Dir ist gar nicht nur heiß. Du bist einfach irgendwann "voll".
Warum viele Frauen im Sommer glauben, mit ihnen stimme etwas nicht
Ich musste neulich schmunzeln, als ich in einem Café zwei Frauen belauschte.
Die eine sagte begeistert: „Ich könnte bei 35 Grad den ganzen Tag draußen sein.“
Die andere antwortete: „Ich freue mich ehrlich gesagt schon wieder auf den Herbst.“
Sofort kam die Reaktion: „Ach komm, du bist aber empfindlich.“
Interessant, oder?
Über Kälte darf man jammern, über Hitze irgendwie nicht.
Dabei zeigen zahlreiche Studien inzwischen, dass hohe Temperaturen unsere Stimmung, Konzentration und Belastbarkeit beeinflussen können.
Das betrifft alle Menschen, nur eben nicht alle gleich...und genau das vergessen wir oft.
Wir vergleichen unsere Reaktion mit der unseres Nachbarn.
Mit der Kollegin.
Mit dem Partner.
Mit den Kindern.
Anstatt uns zu fragen: Wie reagiert eigentlich mein Körper?
Dabei ist das eine der freundlichsten Fragen, die wir unserem Nervensystem überhaupt stellen können.
Der Sommer verlangt Höchstleistung von einem Körper, der eigentlich kühlen möchte
Unser Körper ist erstaunlich klug.
Sobald es heiß wird, beginnt er zu arbeiten.
Er erweitert Blutgefäße.
Er produziert Schweiß.
Er versucht ununterbrochen, die Körpertemperatur möglichst konstant zu halten.
Das kostet Energie.
Viel Energie.
Vielleicht erklärt das auch, warum manche Menschen im Sommer schon nach einem ganz normalen Einkauf das Gefühl haben, sie hätten einen Halbmarathon hinter sich.
Nicht weil sie untrainiert sind, sondern weil ihr Körper die ganze Zeit mit Temperaturregulation beschäftigt ist. Und jetzt stell dir vor, dieses System verarbeitet zusätzlich ein besonders fein abgestimmtes Nervensystem.
Da ergibt plötzlich vieles Sinn, oder ?
Die schnellere Erschöpfung.
Die geringere Geduld.
Die stärkere Reizbarkeit.
Das Bedürfnis nach Rückzug.
Vielleicht kämpfst du also nicht gegen den Sommer.
Vielleicht arbeitet dein Körper gerade einfach auf Hochtouren.
Früher nahm man Hitze erstaunlich ernst
Das ist etwas, das mich bei meinen Recherchen wirklich überrascht hat.
Heute wirken Menschen fast ein bisschen stolz darauf, auch bei 37 Grad genauso produktiv zu sein wie im November. Früher hätte man aber darüber vermutlich den Kopf geschüttelt.
In vielen mediterranen Regionen Europas gehörte die Mittagsruhe ganz selbstverständlich zum Alltag.
Nicht, weil die Menschen faul waren. Sie wussten einfach, dass der Körper Grenzen hat.
In Spanien, Italien oder Griechenland waren die heißesten Stunden des Tages traditionell Zeiten des Rückzugs (und sind es oft bis heute...).
Fensterläden wurden geschlossen.
Die Straßen wurden ruhiger.
Man arbeitete morgens früher und abends länger.
Nicht gegen den Körper.
Mit ihm.
Auch in vielen traditionellen bäuerlichen Gemeinschaften Mitteleuropas wurden schwere Arbeiten möglichst in die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegt.
Man beobachtete den Rhythmus der Natur – und passte den eigenen daran an.
Heute versuchen viele von uns stattdessen, den gleichen Arbeitstag, die gleiche Konzentration und die gleiche Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten – unabhängig davon, ob draußen 12 oder 36 Grad herrschen.
Vielleicht ist das gar nicht besonders modern.
Vielleicht ist es einfach unfreundlich gegenüber dem eigenen Körper.
Warum dein Körper vielleicht nicht empfindlicher ist – sondern klüger
Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, desto häufiger habe ich mir eine Frage gestellt... Haben wir im Laufe der Zeit verlernt, auf Hitze zu hören?
Nicht, weil unser Körper sich verändert hat...eher weil unsere Lebensweise es getan hat.
Heute klimatisieren wir Büros, planen Meetings um die Mittagszeit, erledigen den Wochenendeinkauf bei 34 Grad und wundern uns anschließend, warum wir völlig erschöpft auf dem Sofa liegen.
Früher war das anders.
Nicht romantischer und nicht einfacher. Aber oft körpernäher.
Viele Kulturen haben über Generationen beobachtet, was große Hitze mit Menschen macht. Ohne Thermometer. Ohne Studien. Einfach, indem sie aufmerksam waren. Und erstaunlicherweise kommen viele dieser Beobachtungen den Erkenntnissen der modernen Forschung ziemlich nahe.
Die Traditionelle Chinesische Medizin sprach schon vor Jahrhunderten von „Sommerhitze“
In der Traditionellen Chinesischen Medizin gilt Hitze nicht einfach als Wetter.
Sie wird als ein äußerer Einfluss betrachtet, der den gesamten Organismus beanspruchen kann.
Beschrieben werden unter anderem:
- innere Unruhe
- Schlafprobleme
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Erschöpfung
- Gereiztheit
- das Gefühl, innerlich „aufgeheizt“ zu sein.
Kommt dir das bekannt vor?
Mich hat vor allem überrascht, dass die Antwort darauf nie war: „Reiß dich zusammen.“
Man sagte eher: „Werde ruhiger.“
Menschen sollten sich in den Schatten zurückziehen.
Anstrengende Tätigkeiten reduzieren.
Kühlende Lebensmittel essen.
Mehr trinken.
Das Tempo senken.
Und das nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil der Körper bereits genug arbeitete.
Ich finde diesen Perspektivwechsel unglaublich wohltuend. Denn er vermittelt etwas, das wir heute fast vergessen haben: Nicht jede Erschöpfung ist ein Zeichen von Schwäche. Manchmal ist sie ein Zeichen dafür, dass dein Körper gerade Höchstleistungen vollbringt.
Auch Ayurveda sieht den Sommer nicht als Zeit des „Immer mehr“
Ähnlich spannend fand ich den Blick in die ayurvedische Gesundheitslehre.
Dort wird der Sommer als Zeit beschrieben, in der Hitze nicht nur den Körper, sondern auch die Emotionen beeinflussen kann.
Menschen reagieren schneller gereizt.
Geduld wird kürzer.
Schlaf wird unruhiger.
Innere Anspannung nimmt zu.
Und wieder fällt etwas auf. Die Empfehlungen wirken erstaunlich vertraut.
Nicht mehr leisten.
Nicht noch schneller werden.
Dafür aber bewusst entschleunigen.
Kühlende Mahlzeiten.
Leichte Kleidung.
Zeit in der Natur.
Wasser.
Ruhe.
Sanfte Bewegung.
Fast so, als hätte jemand schon vor Jahrhunderten verstanden, dass ein überlastetes Nervensystem nicht durch noch mehr Aktivität zur Ruhe kommt.
Vielleicht ist dein Rückzugsbedürfnis gar keine Macke
Kennst du das auch?
Es ist draußen wunderschön.
Alle möchten grillen.
Ins Freibad.
Auf ein Straßenfest.
Zum Stadtfest.
Und du denkst nur: Ich möchte eigentlich einfach nach Hause.
Viele hochsensible Frauen erzählen genau davon.
Nicht, weil sie ungesellig wären. Sie spüren aber einfach oft irgendwann: Es reicht.
Das Problem ist nur, dass unsere Gesellschaft Rückzug oft negativ bewertet.
Wer absagt, gilt schnell als kompliziert.
Wer lieber im Schatten sitzt als in der prallen Sonne, gilt als empfindlich.
Wer abends nicht noch auf das Sommerfest möchte, bekommt zu hören: „Du musst das schöne Wetter doch genießen!“ Aber was, wenn dein Körper längst etwas anderes weiß?
Vielleicht versucht er nicht, dir den Sommer zu verderben.
Vielleicht versucht er einfach, dich vor einer Überlastung zu schützen.
Ein Aha-Moment, den ich nicht mehr vergessen werde
Während meiner Recherche bin ich über einen Gedanken gestolpert, der mich seitdem begleitet.
Ein Sommertag besteht nicht nur aus Hitze.
Er besteht aus einer ungewöhnlichen Ansammlung von Reizen.
Mehr Licht.
Mehr Geräusche.
Mehr Gerüche.
Mehr Menschen.
Mehr soziale Aktivitäten.
Mehr Termine.
Mehr Erwartungen.
Mehr nackte Haut.
Mehr Körperkontakt.
Mehr Schweiß.
Mehr Schlafprobleme.
Mehr Entscheidungen.
Wenn man all das zusammennimmt, wird plötzlich verständlich, warum manche Menschen am Abend völlig erschöpft sind. Wahrscheinlich gar nicht mal wegen der Temperatur allein. Eher weil ihr Gehirn den ganzen Tag ununterbrochen sortiert, bewertet und verarbeitet hat.
Vielleicht fühlt sich dein Nervensystem deshalb gar nicht von der Hitze überwältigt...sondern von allem, was die Hitze mit sich bringt.
Ich finde ja, das verändert den Blick auf den Sommer enorm.
Was moderne Forschung inzwischen bestätigt
Auch wenn die Wissenschaft Hochsensibilität und Hitze bisher nur selten direkt untersucht hat, wissen wir heute einiges über zwei wichtige Zusammenhänge.
Zum einen steigt bei großer Hitze die Belastung für den Körper deutlich an. Er muss kontinuierlich daran arbeiten, seine Temperatur stabil zu halten.
Zum anderen wissen wir aus der Forschung zur Hochsensibilität, dass fein reagierende Nervensysteme Umweltreize häufig intensiver verarbeiten.
Beides zusammen könnte erklären, warum manche Menschen heiße Tage als deutlich anstrengender erleben als andere.
Das bedeutet nicht, dass Hochsensibilität eine Krankheit ist. Und es bedeutet auch nicht, dass jede hochsensible Frau automatisch unter Hitze leidet. Aber vielleicht erklärt es, warum sich manche Frauen jedes Jahr aufs Neue fragen: "Warum scheint das nur mir so zu gehen?"
Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es geht nicht nur dir so...viele sprechen nur kaum darüber.
Vielleicht war Anpassung früher selbstverständlich
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, wann wir eigentlich beschlossen haben, dass der Mensch sich immer an den Kalender anpassen muss – statt der Kalender an den Menschen?
In vielen Kulturen wurde (und wird) der Sommer anders gelebt.
Langsamer.
Rhythmischer.
Mit Pausen.
Mit Rückzug.
Mit Schatten.
Heute versuchen wir oft, im Juli genauso zu funktionieren wie im Oktober.
Genau darin liegt ein Teil des Problems.
Nicht darin, dass unser Körper versagt...aber darin, dass wir erwarten, er müsse unabhängig von Jahreszeiten immer gleich leistungsfähig sein. Und vielleicht ist genau das eine Erwartung, die weder besonders modern noch besonders gesund ist.
Vielleicht machst du vieles längst intuitiv richtig
Während ich diesen Artikel geschrieben habe, musste ich immer wieder an Gespräche mit Frauen denken. Nicht an Studien, nicht an Lehrbücher...aber an ganz alltägliche Sätze.
"Im Sommer trage ich fast nur Leinen. Alles andere macht mich wahnsinnig."
"Ich stehe im Sommer extra früh auf, weil ich die Morgenstunden brauche."
"Ich ziehe mich mittags ins Schlafzimmer zurück, auch wenn ich gar nicht schlafe."
"Ich dusche mir ständig die Unterarme kalt."
"Ich brauche im Sommer plötzlich ganz viel Ruhe."
Hast du selbst ähnliche Gewohnheiten? Vielleicht hast du sie bisher für kleine Eigenheiten gehalten.
Ich sehe sie inzwischen anders.
Vielleicht sind sie keine Marotten.
Vielleicht sind sie Regulationsstrategien.
Dein Nervensystem sucht sich Wege, mit einer außergewöhnlichen Belastung umzugehen.
Nicht bewusst, aber oft ganz intuitiv. Und genau das finde ich faszinierend. Denn wir sprechen häufig darüber, was Menschen lernen sollten. Manchmal lohnt es sich viel mehr, zu beobachten, was unser Körper längst gelernt hat.
(Lese-Tipp: Ritualisierte Regulation)
Das erinnert mich an etwas, das wir als Kinder ganz selbstverständlich konnten
Kinder diskutieren selten darüber, ob sie bei großer Hitze eine Pause machen "dürfen".
Wenn sie genug haben, legen sie sich in den Schatten.
Sie suchen Wasser.
Sie ziehen Schuhe aus.
Sie bewegen sich langsamer und sie hören erstaunlich gut auf ihren Körper.
Erst später lernen viele von uns, diese Signale zu übergehen.
Wir bleiben in der prallen Sonne sitzen, weil alle anderen sitzen bleiben.
Wir gehen trotzdem einkaufen.
Wir erledigen noch schnell den Haushalt.
Wir fahren noch zu diesem einen Termin.
Und wundern uns später, warum wir plötzlich gereizt sind, Kopfschmerzen bekommen oder wegen einer Kleinigkeit in Tränen ausbrechen.
Vielleicht war nicht der Tag zu viel.
Vielleicht waren es ja die zehn kleinen Entscheidungen gegen den eigenen Körper.
Wir brauchen keine größere Belastbarkeit..sondern mehr Erlaubnis.
Das ist wahrscheinlich der Gedanke, der für mich beim Schreiben am wichtigsten geworden ist.
Gerade hochsensible Frauen erzählen oft, dass sie sich ständig anpassen.
An Familien.
An Arbeitszeiten.
An Erwartungen.
An Termine.
An Ferienprogramme.
An andere Menschen.
Und wenn der Sommer kommt, versuchen viele zusätzlich noch, sich an die Jahreszeit anzupassen.
Als müsste der Körper funktionieren wie ein Kalender.
August?
Also Sommermodus.
Aktiv.
Fröhlich.
Draußen.
Gesellig.
Dabei sagt dein Nervensystem vielleicht etwas ganz anderes.
"Heute brauche ich Schatten."
"Heute brauche ich Ruhe."
"Heute reicht ein Spaziergang am Abend."
"Heute möchte ich einfach zu Hause bleiben."
Vielleicht ist das keine Einschränkung, vielleicht ist das Selbstfürsorge.
Alte Kulturen wussten etwas, das wir gerade wiederentdecken
Je tiefer ich in dieses Thema eingetaucht bin, desto häufiger hatte ich das Gefühl, dass vieles davon eigentlich gar nicht neu ist.
Früher richteten Menschen ihren Alltag viel stärker nach den Jahreszeiten aus.
Es gab Zeiten für Arbeit.
Zeiten für Ruhe.
Zeiten für Rückzug.
Zeiten für Begegnung.
Nicht aus Esoterik.
Nicht aus Luxus.
Man wusste einfach, dass der Mensch nicht unabhängig von seiner Umwelt lebt.
Vielleicht haben wir dieses Wissen im Laufe der Zeit gegen Terminkalender eingetauscht.
Und vielleicht beginnt gerade eine Gegenbewegung. Eine, in der wir wieder lernen, den Körper nicht als Gegner zu betrachten, sondern als Partner.
Ich mag diesen Gedanken, denn er nimmt unglaublich viel Druck heraus.
Vielleicht ist Hochsensibilität manchmal einfach ein früheres Warnsystem
Ich würde Hochsensibilität niemals romantisieren.
Sie kann anstrengend sein.
Sie kann überfordern.
Sie kann erschöpfen.
Aber manchmal frage ich mich auch: Was wäre eigentlich, wenn hochsensible Menschen bestimmte Veränderungen einfach früher bemerken?
Nicht nur Emotionen...sondern auch Licht, Lärm, Anspannung, Temperatur, Überforderung...
Vielleicht meldet sich ihr Nervensystem nicht, weil es schwächer ist.
Es meldet sich, weil es früher registriert, dass eine Grenze erreicht ist.
Das bedeutet natürlich nicht, dass alle Menschen gleich reagieren sollten. Aber vielleicht erklärt es, warum manche Frauen bei großer Hitze schon mittags spüren, dass sie eine Pause brauchen, während andere dieses Signal erst am Abend bemerken.
Kleine Rituale, die deinem Nervensystem helfen können
Vielleicht geht es in diesem Sommer gar nicht darum, besser mit Hitze klarzukommen.
Vielleicht geht es darum, freundlicher mit dir selbst zu werden.
Vielleicht darfst du früher die Rollläden schließen.
Früher Wasser trinken.
Früher Nein sagen.
Früher nach Hause gehen.
Früher eine Pause machen.
Nicht weil du versagst.
Vielmehr weil dein Körper gerade Außergewöhnliches leistet.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke.
Nicht immer weiterzugehen, sondern rechtzeitig zu merken, wann genug ist.
Wenn du spürst, dass du genau jetzt eine Pause brauchst...hier findest du unsere Regulationsräume.
Mein Wunsch für dich
Wenn du diesen Artikel gelesen hast und dachtest: "Genau so fühlt sich mein Sommer an."
Dann hoffe ich, dass du beim nächsten heißen Tag einen Gedanken mitnimmst.
Statt: "Ich bin einfach zu empfindlich."
Einfach mal: "Mein Nervensystem versucht gerade, gut für mich zu sorgen."
Vielleicht braucht es weniger Selbstkritik und mehr Vertrauen.
Mehr Schatten.
Mehr Wasser.
Mehr Pausen.
Mehr langsame Abende.
Und vielleicht auch den Mut, den Sommer nicht so zu erleben, wie andere ihn erwarten...aber so, wie dein Körper ihn gut bewältigen kann. Manchmal beginnt Selbstfürsorge nicht mit einer großen Veränderung. Sie beginnt mit einem geöffneten Fenster am frühen Morgen.
Mit nackten Füßen auf kühlen Fliesen.
Mit einem Glas Wasser in der Hand.
Oder mit der Erlaubnis, den Nachmittag einfach einmal im Schatten zu verbringen.
Und vielleicht ist genau das keine Schwäche....sondern eine sehr kluge Antwort deines Nervensystems.
FAQ
Warum vertragen hochsensible Menschen Hitze oft schlechter?
Viele hochsensible Menschen verarbeiten Umweltreize intensiver. Hitze bringt häufig nicht nur höhere Temperaturen, sondern gleichzeitig mehr Licht, Geräusche, Gerüche und Schlafprobleme mit sich. Diese Kombination kann das Nervensystem stärker belasten.
Kann Hitze das Nervensystem überfordern?
Ja. Hohe Temperaturen erhöhen die körperliche Belastung und können Schlaf, Konzentration und Stressregulation beeinflussen. Menschen mit einem sensiblen Nervensystem nehmen diese Veränderungen häufig intensiver wahr.
Warum bin ich im Sommer so erschöpft?
Der Körper muss bei Hitze kontinuierlich seine Temperatur regulieren. Gleichzeitig führen warme Nächte oft zu schlechterem Schlaf. Beides kann Erschöpfung und Reizbarkeit verstärken.
Was hilft hochsensiblen Frauen bei Hitze?
Viele profitieren von einem ruhigen Tagesrhythmus, ausreichend Flüssigkeit, kühlen Rückzugsorten, leichter Kleidung und bewussten Pausen. Entscheidend ist, die eigenen Körpersignale ernst zu nehmen.
Ist starke Hitzeempfindlichkeit immer Hochsensibilität?
Nein. Auch hormonelle Veränderungen, Medikamente oder Erkrankungen können die Hitzeempfindlichkeit erhöhen. Bei anhaltenden Beschwerden sollte eine medizinische Abklärung erfolgen.
Quellen
Forschung zu Sensory Processing Sensitivity (SPS) und sensorischer Reizverarbeitung.
Forschung zu Thermoregulation, Hitzestress und Schlafqualität.
Weltgesundheitsorganisation (WHO): Auswirkungen von Hitzewellen auf Gesundheit und Wohlbefinden.
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM): Sommerhitze als belastender Umweltfaktor.
Ayurveda: Empfehlungen zur Regulation von Körper und Geist während heißer Jahreszeiten.
Eine Anmerkung von Praxis Liebenswert
Nicht jede hochsensible Frau erlebt Hitze gleich. Und nicht jede starke Hitzeempfindlichkeit ist auf Hochsensibilität zurückzuführen – auch Erkrankungen, Medikamente oder hormonelle Veränderungen können eine Rolle spielen. Dieser Artikel ersetzt daher keine medizinische Abklärung, sondern möchte helfen, körperliche Erfahrungen besser einzuordnen und das eigene Nervensystem mit etwas mehr Verständnis zu betrachten.
Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert
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