Warum du nicht faul bist – sondern dein Nervensystem Übergänge hasst

Veröffentlicht am 23. Februar 2026 um 08:08

Was bedeutet Autistic Inertia?

Autistic Inertia beschreibt das Festhängen in Zuständen: Der Start ist schwer, der Stopp ist schwer und der Wechsel ist schwer. Nicht die Aufgabe selbst, sondern der Übergang kostet Energie.

 

 

Kennst du diesen Moment?

Du sitzt da.

Weißt ganz genau, was du tun müsstest.

Und trotzdem passiert… nichts.

Dein Körper bleibt. Dein Blick geht ins Leere.

Oder ins Handy. (Hallo, Übergangs-Anästhesie...)

Und dann kommt sie.

Die innere Stimme: „Was stimmt eigentlich nicht mit dir?“, „Andere schaffen das doch auch.“...

„Jetzt reiß dich mal zusammen.“

Okay.

Lass uns das einmal liebevoll auseinandernehmen.

Was da passiert, ist kein Charakterproblem.

Es ist ein Übergangsproblem. Und dein Nervensystem ist dabei die Hauptdarstellerin.

 

Das Problem ist nicht die Aufgabe...sondern der Wechsel

 

Ganz ehrlich?

Die meisten Frauen, mit denen ich spreche oder die mir schreiben, scheitern nicht am Leben.

Sie scheitern am Dazwischen.

Nicht am Aufräumen. Sondern am Aufstehen.

Nicht am Schlafen. Sondern am „jetzt Handy weglegen“.

Nicht am Arbeiten. Sondern am Anfangen.

Nicht am Entspannen. Sondern am Aufhören.

Es ist nicht das Tun. Es ist der Übergang zwischen zwei Zuständen.

Und dafür gibt es tatsächlich einen Begriff:

Autistic Inertia.

 

 

Was ist Autistic Inertia?

 

Klingt erstmal wie ein kompliziertes Fremdwort.

Heißt aber schlicht:

Start ist schwer.

Stopp ist schwer.

Wechsel ist schwer.

 

Wichtig:

Das ist keine Diagnose. Es ist ein Erklärmodell, das ursprünglich aus dem Autismus-Kontext kommt.

 

Aber ähnliche Muster finden wir auch bei:

  • ADHS
  • Hochsensibilität
  • Trauma-Stress
  • chronischer Erschöpfung
  • hormonellen Umbrüchen
  • Mama-Überlastung deluxe

Kurz: bei Nervensystemen, die ohnehin viel verarbeiten.

 

 

Warum dein Gehirn Übergänge anstrengend findet (Spoiler: Es ist kein Motivationscoach)

 

Jetzt kommt der Teil, den ich liebe. Weil er so viel Schuld rausnimmt.

Dein Gehirn ist kein Instagram-Mindset-Coach. Es ist ein Energiesparprogramm.

Und Übergänge sind energetisch teuer.

 

 

1️⃣ Exekutive Funktionen – deine inneren Schaltstellen

 

Starten.

Stoppen.

Umschalten.

Das sind sogenannte exekutive Funktionen.

Sie sitzen vor allem im präfrontalen Cortex, also im „Management-Büro“ deines Gehirns.

 

Unter Stress passiert aber Folgendes:

Der präfrontale Cortex fährt runter.

Das limbische System (Alarm & Schutz) fährt hoch.

 

Das bedeutet:

Je mehr Druck du dir machst,

desto schlechter wird dein Umschalten.

 

Ja. Wirklich.

Das ist gut erforscht (Arnsten, 2009; Diamond, 2013).

Stress verschlechtert exekutive Steuerung.

Deshalb hilft „Mach doch einfach!“ ungefähr so gut wie

„Schlaf doch schneller ein!“

 

2️⃣ Monotrope Aufmerksamkeit – wenn dein Fokus tief geht

 

Ein eher unbekanntes Konzept aus der Autismusforschung heißt Monotropismus (Murray et al., 2005). Dabei bündelt sich Aufmerksamkeit stark auf einen Zustand oder ein Thema.

Das ist kein Defizit. Das ist Tiefe.

Aber: Wenn dein System gerade tief in etwas drin ist, kostet ein Wechsel mehr Energie.

Du bist nicht stur. Du bist fokussiert.

Nur dass dein Umfeld schnelle Wechsel liebt und dein Gehirn Tiefe.

 

3️⃣ Hochsensibilität & Reizverarbeitung – warum Wechsel sich wie Umbau anfühlen

 

Studien zeigen, dass hochsensible Menschen Reize intensiver und vernetzter verarbeiten

(Aron & Aron, 1997; Acevedo et al., 2014).

Das bedeutet: Jeder Übergang bringt neue Reize.

Neues Licht.

Neue Geräusche.

Neue Erwartungen.

Neue Körperzustände.

 

Für ein sensibles Nervensystem ist das kein „kleiner Schritt“. Es ist ein kompletter Umbau.

Und Umbauten dauern.

 

 

Warum Druck alles schlimmer macht

 

Druck signalisiert Gefahr.

Gefahr aktiviert Schutz.

Schutz liebt Stabilität.

Stabilität macht Wechsel schwerer.

 

Also ...du ahnst es...nein... „Reiß dich zusammen“ beschleunigt nichts.

Es friert dein System ein.

Und dann sitzt du da, bewegst dich noch weniger und beschimpfst dich noch mehr.

Ganz großartige Strategie.

Für ein Nervensystem von 1840 vielleicht. Für deins? Nicht so.

 

Wenn dein Nervensystem gerade nicht mehr mitmacht, findest du hier einen ruhigeren Zugang.

 

 

Mama-Alltag = Übergänge im Großformat

 

Und jetzt stell dir das alles mal vor mit:

 

  • Kind ruft.
  • Handy piept.
  • Wäsche wartet.
  • Hormone tanzen.
  • Schlaf ist ein Gerücht.

Mutterschaft ist ein Dauer-Umschalt-Marathon.

Frau → Mutter

Arbeit → Care

Ruhe → Alarm

Plan → Chaos

 

Wenn du hochsensibel oder neurodivergent bist, fühlt sich das nicht nur intensiver an.

Es ist neurologisch intensiver.

Du bist nicht überempfindlich. Du bist energetisch stark belastet.

 

Auch Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt – all das sind Übergänge.

Kein Wunder, dass dein System reagiert.

Wenn du gerade mitten in einem dieser Übergänge steckst (besonders im Wartezimmer),

darf dein System Unterstützung bekommen.

→ Wartezimmer-Raum

 

 

Und ja...das Handy ist eine Übergangs-Betäubung

 

Warum scrollen wir ausgerechnet dann, wenn wir eigentlich wechseln müssten?

Weil das Handy dazwischen liegt. Es verhindert die klare Entscheidung.

Es verzögert den Übergang.

 

Kurzfristig: entlastend.

Langfristig: verstärkend.

Nicht moralisch schlecht.

Nur neurobiologisch nachvollziehbar.

 

Was wirklich hilft (Spoiler: nicht „mehr Disziplin“)

 

Nicht springen. Brücken bauen.

Nicht: „Ich muss jetzt aufstehen.“ Besser: „Ich bewege meine Füße.“

Nicht: „Ich gehe jetzt schlafen.“ Besser: „Ich dimme das Licht.“

Nicht: „Ich höre sofort auf.“ Besser: „Ich schließe einen Tab.“

 

Mikro-Wechsel sind nervensystemfreundlich.

Große Sprünge sind für Instagram.

Vielleicht bist du nicht langsam. Sondern fein abgestimmt.

Vielleicht brauchst du nicht mehr Motivation.

Sondern einfach mehr Übergangsfreundlichkeit.

Vielleicht musst du dich nicht härter machen.

Sondern dein System besser verstehen.

Und vielleicht (nur vielleicht) darfst du beim nächsten Festhängen denken:

 

„Ah. Übergang. Nicht Versagen.“

Und dann eine kleine Brücke bauen.

Nicht perfekt.

Nur freundlich.

 

 

Vielleicht liest du diesen Artikel, weil Übergänge sich für dich schon lange schwer anfühlen.

Vielleicht kennst du dieses innere Stocken vor dem nächsten Schritt.

Dieses Festhalten, obwohl du müde bist. Dieses Schuldgefühl, weil andere scheinbar leichter wechseln.

 

Und vielleicht trägst du gerade einen Kinderwunsch.

Oder ein Baby.

Oder den Alltag mit Kindern, der kaum Pausen kennt.

 

All diese Lebensphasen sind Übergänge im Großformat.

Sie verändern Identität, Körper, Beziehungen und Zeitgefühl gleichzeitig.

Wenn du hochsensibel bist oder ein fein abgestimmtes Nervensystem hast,

spürst du diese Veränderungen nicht weniger ... sondern mehr.

Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Tiefe.

 

Neuro.Liebenswert entsteht genau für diesen Raum dazwischen:

 

  • zwischen Wissen und Handeln,
  • zwischen Gefühl und Funktionieren,
  • zwischen dem Wunsch nach Halt

und der Realität des Wandels.

 

 

Vielleicht musst du nicht lernen, schneller zu werden.

Vielleicht darfst du lernen, Übergänge freundlicher zu gestalten.

Mit mehr Verständnis. Mit kleineren Schritten.

Mit Räumen, in denen dein Nervensystem

nicht gedrängt wird, sondern gehalten.

Und vielleicht beginnt genau dort eine andere Form von Stärke.

 

FAQ

 

Was bedeutet „Übergänge“ im Nervensystem-Kontext?

 

Mit „Übergängen“ sind Wechsel gemeint: vom Sitzen ins Aufstehen, vom Denken ins Tun, von Arbeit in Pause, von „ich bin drin“ zu „ich höre auf“. Für sensible oder neurodivergente Nervensysteme ist nicht die Aufgabe das Problem. Es ist das Umschalten.

 

Warum sind Übergänge manchmal so schwer...obwohl ich weiß, was ich tun müsste?

 

Weil Wissen nicht automatisch Steuerung ist. Wenn exekutive Funktionen (Starten, Stoppen, Wechseln) unter Stress stehen, kann dein System „hängen bleiben“. Das ist kein Charakterfehler, sondern eine Neurobiologie-Sache.

 

Was ist Autistic Inertia und betrifft das nur Autistinnen?

 

Autistic Inertia beschreibt das Festhängen in Zuständen: Start ist schwer, Stopp ist schwer, Wechsel ist schwer. Der Begriff kommt aus dem Autismus-Kontext, aber ähnliche Übergangsprobleme können auch bei ADHS, chronischer Erschöpfung, Trauma-Stress oder hoher Reizverarbeitung auftreten. (Keine Diagnose, eher ein Erklärmodell.)

 

Hat Hochsensibilität etwas mit exekutiven Funktionen zu tun?

 

Hochsensibilität wird oft über Reizverarbeitung beschrieben und genau da liegt die Brücke: Wenn ein Nervensystem mehr verarbeitet, kostet jeder Wechsel mehr Energie. Das kann exekutive Steuerung indirekt erschweren, besonders bei Überlastung.

 

Warum macht Druck alles schlimmer?

 

Druck signalisiert Gefahr. Gefahr aktiviert Schutz. Schutz liebt Stabilität. Und Stabilität macht Wechsel schwerer. Darum funktionieren Sätze wie „Reiß dich zusammen“ häufig nicht. Sie pushen das System eher tiefer in den Freeze/Blockade-Modus.

 

Woran erkenne ich, dass ich nicht „faul“ bin, sondern überfordert?

 

Typisch ist: Du willst los, aber dein Körper bleibt. Oder du bist in etwas drin und kommst nicht raus, obwohl du müde bist. Dazu kommen oft Schuldgefühle, innerer Lärm, Scrollen als Beruhigungsversuch oder ein „ich kann nicht mal…“-Mindset. Das Muster ist: Blockade + Selbstabwertung.

 

Was hilft bei Übergängen am schnellsten – ohne Selbstoptimierung?

 

Nicht „groß lösen“, sondern mikro-wechseln: Licht dimmen statt „schlafen müssen“. Ein Tab schließen statt „Handy weg“. Füße bewegen statt „aufstehen“. Kleine konkrete Übergänge geben dem Nervensystem eine Brücke.

 

Warum verliere ich mich manchmal im Handy, gerade vor Übergängen?

 

Weil das Handy eine Übergangs-Anästhesie ist: vorher rein, nachher raus, dazwischen betäubt es den Wechsel. Das ist verständlich, aber es kann Übergänge langfristig schwerer machen, weil du die Brücke nicht übst, sondern umgehst.

 

Was hat das mit Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mama-Alltag zu tun?

 

Diese Lebensphasen sind Übergänge im Großformat. Sie triggern Kontrollverlust, Identität, Körperstress, neue Rollen und damit dein Nervensystem. Wer hochsensibel oder neurodivergent ist, spürt diese Übergänge oft intensiver und braucht mehr Regulation statt mehr Druck.

 

Wann sollte ich mir professionelle Unterstützung holen?

 

Wenn Übergänge dich dauerhaft lähmen, du dich erschöpft oder verzweifelt fühlst, dein Alltag stark leidet oder du Angst vor dir selbst bekommst: Bitte hol dir Unterstützung (Hausärztin, Psychotherapie, Beratungsstellen). Dieser Artikel ersetzt keine Diagnostik oder Behandlung.

 

Forschung & Quellen 

 

Exekutive Funktionen & Stress

Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience.

Diamond, A. (2013). Executive Functions. Annual Review of Psychology.

Monotropismus & Autistic Inertia

Murray, D., Lesser, M., & Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and autism. Autism.

Lawson, W. et al. (2018). Monotropism reconsidered.

Hochsensibilität & neuronale Verarbeitung

Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity.

Acevedo, B. et al. (2014). The highly sensitive brain: fMRI study.

Predictive Processing & Autismus

Pellicano, E., & Burr, D. (2012). When the world becomes ‘too real’: Predictive processing in autism.

Bettina Müller-Farné ist Gründerin & Herausgeberin von Praxis Liebenswert

und schreibt über Nervensystem, Hochsensibilität

und Übergänge im Mama-Alltag

aus redaktioneller und neurobiologischer Perspektive.

Autistic inertia

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