Der Körper weiß es noch nicht

Veröffentlicht am 27. Juli 2026 um 09:45
Frau am Fanster nach einer Fehlgeburt: Warum dein Körper anders reagiert

Serie: Orientierung nach Schwangerschaftsverlust

Gemeinsam mit der Trauerbegleiterin Pascale Chartrain (Kinderwunschzeit.de) beleuchtet diese Serie medizinische, emotionale und gesellschaftliche Aspekte von Fehlgeburt, Totgeburt und stillem Geburtserleben. Ziel ist nicht nur Information, sondern Orientierung in einer Zeit, in der vielen Frauen genau diese fehlt.

Was im Nervensystem nach einer Fehlgeburt oder Totgeburt passiert...

 und warum dieses Wissen hilft, dem eigenen Erleben wieder zu vertrauen

 

Viele Frauen sagen es fast mit schlechtem Gewissen, so als würden sie damit etwas falsch machen: „Ich fühle mich immer noch schwanger.“ Dabei ist genau das keine Verwirrung und kein Zeichen dafür, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Es ist ihr Nervensystem, das noch nicht da angekommen ist, wo der Kopf längst ist.

Nach einer Fehlgeburt oder Totgeburt klafft für viele Frauen eine Lücke zwischen dem, was sie wissen, und dem, was ihr Körper ihnen zeigt. Diese Lücke zu verstehen, verändert nichts an der Trauer. Aber sie verändert, wie eine Frau sich selbst in dieser Zeit begegnet.

 

Wenn der Körper eine andere Sprache spricht als die Realität

Die Hormone, die eine Schwangerschaft tragen, verschwinden nicht mit der Diagnose. Sie brauchen Zeit, um wieder abzusinken – Zeit, die sich für viele Frauen wie Hohn anfühlt. Der Körper sendet weiter Signale einer Schwangerschaft, die es nicht mehr gibt.

Die Trauerbegleiterin Pascale Chartrain beobachtet in ihrer Arbeit genau dieses Muster immer wieder: Frauen berichten, sie fühlten sich von ihrem eigenen Körper getäuscht. Der Verstand weiß, was passiert ist. Der Körper hält noch an einem Zustand fest, der nicht mehr existiert. Dieser Widerspruch ist kein Nebenschauplatz der Trauer – er ist eine eigene Belastung, die zusätzlich zum Verlust selbst verarbeitet werden muss.

Zu wissen, dass dieses Gefühl eine nachvollziehbare körperliche Ursache hat, verändert seine Bedeutung. Es macht aus einem vermeintlichen Zeichen von Verrücktheit ein Zeichen von Biologie.

 

Warum viele Frauen im ersten Moment nicht weinen können

Ein zweites Muster, das in der Begleitungsarbeit von Pascale Chartrain immer wieder auftaucht: Der Moment, in dem eine Frau erfährt, dass ihr Kind nicht mehr lebt, wird oft nicht mit Tränen beantwortet, sondern mit einer Art innerem Stillstand. Sie beschreibt diesen Zustand in ihrer Arbeit häufig so, dass es sich anfühle, als bliebe die eigene Welt für einen Moment stehen, während draußen alles unverändert weiterläuft.

Diese Erstarrung ist keine Gefühllosigkeit. Sie ist eine der ältesten Schutzreaktionen des Nervensystems: In Momenten, die zu groß sind, um sie sofort zu verarbeiten, schaltet der Körper einen Gang zurück, noch bevor er überhaupt reagieren kann. Manche Frauen empfinden Scham darüber, in diesem Moment nicht geweint zu haben, so als würde das etwas über ihre Liebe zum Kind aussagen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Stille im ersten Moment sagt nichts über das Ausmaß der Trauer aus, sondern über das Ausmaß des Schocks.

 

Warum dieses Wissen mehr ist als Erklärung

Zu verstehen, was im Nervensystem passiert, ändert die Trauer nicht. Sie bleibt, was sie ist. Aber es ändert, wie eine Frau sich selbst in dieser Zeit begegnet – ob sie ihre Reaktionen als Fehlfunktion erlebt, die korrigiert werden muss, oder als das, was sie sind: eine nachvollziehbare Antwort eines Nervensystems, das gerade sehr viel zu verarbeiten hat.

Das ist auch der Grund, warum dieses Thema am Anfang dieser Serie steht. Bevor es um Versorgung, um das Gesundheitssystem oder um das Umfeld geht, steht die Frage: Kann eine Frau sich selbst vertrauen? Wissen über den eigenen Körper ist dafür kein Ersatz für Begleitung – aber eine Voraussetzung dafür, sie überhaupt annehmen zu können.

 

Was jetzt trägt

Es gibt in dieser Phase wenig, was eine Frau tun muss. Es gibt vor allem etwas, das sie sich erlauben darf: Zeit, ohne einen Zeitplan dafür zu haben. Das Nervensystem reguliert sich nicht nach Kalender, und der Druck von außen – schnell wieder zu funktionieren, Formalitäten zu erledigen, Antworten zu geben – verschärft genau den Zustand, aus dem heraus eine Frau sich gerade erst herausfindet.

Wer in dieser Zeit Unterstützung sucht, ist nicht überempfindlich. Ob Hebamme, Beratungsstelle oder ein Gespräch, das einfach nur aushält, ohne zu lösen – wonach in dieser Phase am meisten fehlt, ist häufig nicht guter Rat, sondern Verständnis.

 

Viele Frauen berichten, dass nach einer Fehlgeburt nicht nur Trauer, sondern auch Orientierungslosigkeit entsteht. In unserem Leitartikel findest du einen Überblick über die Zeit nach dem Verlust und hilfreiche nächste Schritte.

 

Weiterlesen:

Was eine Fehlgeburt mit dem Nervensystem macht, ist nur ein Teil der Geschichte. Wie sich der Verlust insgesamt auf das Gefühl für die eigene Identität auswirken kann, beschreibt „Ich bin nicht mehr ich: Was eine Fehlgeburt seelisch macht".

 

Dieser Artikel ist der Auftakt einer Serie, die in redaktioneller Kooperation zwischen Praxis Liebenswert und Kinderwunschzeit.de entsteht. In den kommenden Wochen geht es unter anderem um die ersten Tage nach der Diagnose, um den Umgang im eigenen Umfeld und um die Frage, wie Trauer nach einem Schwangerschaftsverlust einen Platz finden kann, ohne verdrängt werden zu müssen.

ÜBER DIE EXPERTIN

Pascale Chartrain ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte BKiD-Kinderwunschberaterin und begleitet Frauen seit 2010 in der Kinderwunschzeit.

Sie arbeitet mit Frauen und Paaren, die durch Kinderwunschbehandlungen, Schwangerschaftsverluste oder ein Geburtstrauma emotional stark belastet sind.

Mit traumasensiblen und körperorientierten Methoden unterstützt sie dabei, Ängste, Trauer, Schuldgefühle, Kontrollverlust und andere belastende Erfahrungen Schritt für Schritt zu verarbeiten – immer in ihrem eigenen Tempo.

In ihrer Begleitung stehen nicht nur der Kinderwunsch, sondern auch die Würde jeder Frau und jedes Kindes im Mittelpunkt. Denn sie ist überzeugt: Verständnis, Sicherheit und eine traumasensible Begleitung können neue Hoffnung und Vertrauen wachsen lassen.

Mehr über ihre Arbeit: www.kinderwunschzeit.de

Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert

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