Serie: Orientierung nach Schwangerschaftsverlust
Gemeinsam mit der Trauerbegleiterin Pascale Chartrain (Kinderwunschzeit.de) beleuchtet diese Serie medizinische, emotionale und gesellschaftliche Aspekte von Fehlgeburt, Totgeburt und stillem Geburtserleben. Ziel ist nicht nur Information, sondern Orientierung in einer Zeit, in der vielen Frauen genau diese fehlt.
Was ich meinem Umfeld sagen kann – und was nicht
Warum die Reaktionen aus Familie, Freundeskreis und Job nach einem frühen Verlust oft selbst zur Belastung werden – und wie du entscheidest, was du davon überhaupt an dich heranlässt.
Irgendwann in den Tagen nach einer Fehlgeburt kommt ein zweiter Moment, den niemand ankündigt: der erste Blick, die erste Frage, das erste Schweigen von jemandem, der noch nichts weiß. Und mit ihm die Frage, die sich viele Frauen stellen, ohne dass sie das im Krankenhaus je jemand gefragt hätte: Wem sage ich es – und wem nicht?
Dieser Text ist Teil drei der Serie in redaktioneller Kooperation mit Kinderwunschzeit.de. Teil eins hat gezeigt, was im Nervensystem passiert, Teil zwei, was in den ersten 72 Stunden medizinisch und rechtlich ansteht. Dieser Teil handelt von dem, was danach kommt: dem eigenen Umfeld.
Warum ein früher Verlust für andere oft nicht real wirkt
Aus dem Interview: Pascale Chartrain beobachtet in ihrer Praxis, dass eine frühe Schwangerschaft für Außenstehende meist unsichtbar war – kein sichtbarer Bauch, oft nicht einmal eine Ankündigung. Genau deshalb wird der Verlust von vielen im Umfeld auch nicht als das erlebt, was er ist. Ihrer Erfahrung nach bekommen betroffene Frauen dann Sätze zu hören wie „das war doch noch nicht geboren" oder „es wäre sowieso nicht gesund gewesen, sei doch froh" – gemeint oft nicht böse, aber von verwaisten Frauen als sehr verletzend erlebt.
Wenn du einen solchen Satz schon gehört hast: Er sagt nichts über das Gewicht deines Verlustes aus. Er sagt etwas darüber, wie unsicher viele Menschen mit einem Thema sind, für das ihnen die Worte fehlen.
Trauer ist in Deutschland ohnehin ein Tabu
Aus dem Interview: Chartrain ordnet ein, dass Trauer in Deutschland grundsätzlich tabuisiert sei – unabhängig davon, worüber genau getrauert wird. Ein früher Schwangerschaftsverlust trifft damit auf ein bereits bestehendes gesellschaftliches Schweigen, nicht nur auf sein eigenes.
Unsere Recherche dazu: Diese Einordnung deckt sich mit journalistischer Berichterstattung zum Thema: Fehlgeburten gelten hierzulande weiterhin als Tabuthema, über das viele Betroffene im Verborgenen trauern, auch weil ein klarer gesellschaftlicher Rahmen dafür fehlt, wie man darüber spricht.
Was wirklich hilft
Aus dem Interview: Empfehlung ans Umfeld: die grundsätzliche Bereitschaft zuzuhören zeigen und der betroffenen Frau selbst überlassen, ob und wann sie über den Verlust sprechen möchte. Mit wiederholtem Nachfragen wäre Chartrain vorsichtig: Das kann als belastend erlebt werden, gerade weil manche Frauen über längere Zeit nicht darüber sprechen und auch nicht daran erinnert werden möchten. Wichtiger als die konkrete Frage nach dem Verlust findet sie eine offenere: Wie kann ich für dich da sein? Was brauchst du gerade?
Wenn du selbst gerade jemanden begleitest, der einen Verlust erlebt hat: Die Frage muss nicht der Verlust selbst sein. Es hilft oft mehr, nach dem zu fragen, was die Person gerade braucht, und ihr die Entscheidung zu überlassen, ob und wann sie darüber sprechen möchte – ohne von dir aus wiederholt darauf zurückzukommen.
Was in der Trauerbegleitung allgemein empfohlen wird
(Unabhängig vom Interview, recherchierte Einordnung der Redaktion.) Fachliche Ratgeber zur Begleitung Trauernder – auch außerhalb des Themas Schwangerschaftsverlust – kommen zu einem ähnlichen Bild: Konkrete Hilfsangebote helfen mehr als allgemeine Floskeln, weil sie der betroffenen Person keine Entscheidung abverlangen. Ehrlich zu benennen, dass einem die Worte fehlen, wird meist besser aufgenommen als eine gut gemeinte, aber unpassende Formulierung. Und aufmerksames Zuhören trägt oft mehr als jeder Ratschlag.
Die Rückkehr an den Arbeitsplatz
Aus dem Interview: Eine konkrete Praxisidee von Pascale Chartrain: Sie empfiehlt Frauen häufig, der Chefin oder dem Chef vor dem ersten Arbeitstag nach dem Verlust eine E-Mail zu schreiben und darin selbst festzulegen, ob und wie sie auf den Verlust angesprochen werden möchten. Wenn die Kolleg:innen darüber informiert sind, wie sie sich verhalten sollen, gibt das nach ihrer Erfahrung Sicherheit – für die Frau, weil sie vorab bestimmen kann, wie ihr Umfeld reagiert, und für die Kolleg:innen, weil sie wissen, was angemessen ist. Gerade am Arbeitsplatz, wo Gefühle sich schwerer zeigen lassen als im privaten Rahmen, macht das nach ihrer Beobachtung einen spürbaren Unterschied.
Angelehnt an diese Idee – als redaktionelles Werkzeug von Praxis Liebenswert, nicht als Zitat von Pascale Chartrain – zwei mögliche Bausteine für eine solche Nachricht:
- „Ich möchte gern wieder normal arbeiten und würde mich freuen, wenn ihr nicht aktiv nach Details fragt. Wenn ich reden möchte, komme ich von mir aus darauf zurück."
- „Es bedeutet mir viel, wenn jemand kurz nachfragt, wie es mir geht. Ich muss darauf nicht ausführlich antworten – aber die Frage selbst tut gut."
Beide Formulierungen sind bewusst offen gehalten. Wähle, welche eher zu dir passt, oder schreib deine eigene Version – wichtig ist nur, dass die Entscheidung bei dir liegt.
Wer von deinen Freund:innen bei dir bleibt, wenn es dir schlecht geht
Aus dem Interview: Chartrain unterscheidet zwischen „Schönwetter-" und „Schlechtwetter-Freundinnen": Echte Freundinnen sind für sie nicht die, die nur bei gutem Wetter da sind, sondern die, die auch bleiben, wenn es einem schlecht geht. Gerade in einer Verlusterfahrung zeige sich oft, welche Freundinnen zu Letzteren zählen. Wenn sich jemand aus Hilflosigkeit zurückzieht, weiß man ihrer Erfahrung nach, dass diese Person in schlimmen Zeiten nicht beistehen kann. Wenn jemand unerwartet da ist, weiß man, dass diese Person die eigenen Gefühle aushält. So lerne man die eigenen Freund:innen noch einmal neu kennen. Gleichzeitig gehört für Chartrain zum Freundinsein auch dazu, es zu respektieren, wenn die betroffene Frau ausdrücklich um Ruhe bittet – ohne es persönlich zu nehmen oder ihr deswegen ein schlechtes Gewissen zu machen.
Das ist keine Aufforderung, Freundschaften jetzt zu bewerten. Aber es kann entlasten, zu wissen: Schönwetter-Freundschaften sind deshalb nicht automatisch falsch, sie zeigen nur, was sie sind. Und wenn jemand unerwartet für dich da ist, darfst du das genauso wahrnehmen – als das, was es ist.
Wenn du gerade nach etwas suchst, das dich einfach begleitet
Der Verlust-Kompass ist ein kostenloses digitales Begleitbuch mit neun ruhigen Reflexionsabschnitten – kein Ratgeber, sondern ein Raum ohne Erwartung. Er schließt Fehlgeburt, stillen Verlust und medizinisch indizierten Schwangerschaftsabbruch gleichermaßen ein. Online lesbar oder als PDF, ohne Anmeldung, nichts davon wird gespeichert.
Weiterlesen:
Der Körper weiß es noch nicht (Teil 1) · Die ersten 72 Stunden (Teil 2)
· Beziehungskrise nach Fehlgeburt – wenn zwei Menschen unterschiedlich trauern
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine psychologische oder therapeutische Beratung. Er dient der Orientierung und dem Gefühl, mit diesen Fragen nicht allein zu sein.

ÜBER DIE EXPERTIN
Pascale Chartrain ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte BKiD-Kinderwunschberaterin und begleitet Frauen seit 2010 in der Kinderwunschzeit.
Sie arbeitet mit Frauen und Paaren, die durch Kinderwunschbehandlungen, Schwangerschaftsverluste oder ein Geburtstrauma emotional stark belastet sind.
Mit traumasensiblen und körperorientierten Methoden unterstützt sie dabei, Ängste, Trauer, Schuldgefühle, Kontrollverlust und andere belastende Erfahrungen Schritt für Schritt zu verarbeiten – immer in ihrem eigenen Tempo.
In ihrer Begleitung stehen nicht nur der Kinderwunsch, sondern auch die Würde jeder Frau und jedes Kindes im Mittelpunkt.
Mehr über ihre Arbeit: www.kinderwunschzeit.de
Quellen
Aussagen zu persönlichen Beobachtungen, Empfehlungen und Erfahrungen aus der Beratungspraxis stammen aus dem Interview mit Pascale Chartrain (Kinderwunschzeit.de, Interview vom 30.06.2026) und sind im Text als "Aus dem Interview" gekennzeichnet; vor Veröffentlichung mit ihr autorisiert. Ergänzend recherchiert: Strive Magazine, "Tabuthema Fehlgeburt: Viele trauern im Verborgenen"; EKHN, "Angemessen trösten: Mit Trauernden umgehen"; Erfahrungsberichte und Ratgebertexte zum Umgang mit Fehlgeburt am Arbeitsplatz, u. a. rund-ums-baby.de, "Dem Arbeitgeber von Fehlgeburt erzählen oder lieber nicht?".
Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert
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