Warum psychische Versorgung weltweit zunehmend digital wird und was Frauen darüber wissen sollten
Monatelange Wartezeiten auf Therapieplätze sind für viele Frauen Realität. Warum Online-Psychotherapie, digitale Gesundheitsanwendungen und neue Versorgungsmodelle weltweit an Bedeutung gewinnen – und was Studien über ihre Wirksamkeit sagen.
Die Warteliste, die niemand sehen will
Vor einigen Tagen klingelte wieder mein Telefon.
Eigentlich war es kein ungewöhnlicher Anruf.
Eine Frau. Mitte dreißig.
Erschöpft.
Sie hatte endlich den Mut gefunden, sich Hilfe zu suchen.
Und jetzt wollte sie wissen, ob ihre Krankenkasse die Kosten für eine Psychotherapie übernehmen würde.
Nicht irgendeine Psychotherapie.
Eine außervertragliche Psychotherapie.
Also eine Behandlung bei einem Therapeuten ohne Kassenzulassung im Rahmen des sogenannten Kostenerstattungsverfahrens.
Für viele Menschen klingt das zunächst kompliziert. Für mich gehört diese Frage inzwischen zu den häufigsten Anfragen in meinem Arbeitsalltag bei einer gesetzlichen Krankenkasse.
Und jedes Mal steckt dahinter dieselbe Geschichte.
Nicht selten haben die Betroffenen bereits zehn, zwanzig oder noch mehr Praxen angerufen.
Sie haben Wartelisten gefunden.
Anrufbeantworter.
Rückrufversprechen.
Oder Termine in sechs, acht oder zwölf Monaten.
Manchmal sogar später.
Und ganz ehrlich?
Es gibt Momente, in denen mich das auch nach vielen Jahren noch erschüttert.
Denn psychische Krisen halten sich selten an Wartelisten.
Eine Depression sagt nicht: „Kein Problem. Ich komme dann einfach nächstes Jahr wieder.“
Eine Angststörung wartet nicht geduldig bis zum nächsten freien Termin.
Und eine Mutter, die seit Monaten nicht mehr richtig schläft, ständig funktioniert und sich jeden Morgen fragt, wie sie diesen Tag überstehen soll, braucht oft nicht irgendwann Unterstützung.
Sondern jetzt.
Genau deshalb beschäftigt mich das Thema digitale psychische Versorgung schon lange.
Nicht, weil ich Technik besonders aufregend finde...
Ich sehe jeden Tag, wie groß die Versorgungslücke geworden ist.
Die seltsame Logik unseres Gesundheitssystems
Wenn wir Zahnschmerzen haben, rufen wir beim Zahnarzt an.
Wenn wir uns den Arm brechen, fahren wir ins Krankenhaus.
Wenn wir eine Mittelohrentzündung haben, bekommen wir meist innerhalb weniger Tage einen Termin.
Bei psychischen Erkrankungen läuft das oft anders.
Hier beginnt häufig eine Art modernes Suchspiel.
Man telefoniert.
Man googelt.
Man hinterlässt Nachrichten.
Man wird weiterverwiesen.
Man wartet.
Und wartet.
Und wartet noch ein bisschen mehr.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass Menschen in psychischen Krisen unfreiwillig zu Projektmanagern ihrer eigenen Versorgung werden.
Sie führen Listen, dokumentieren Anrufe, sammeln Absagen, verfassen E-Mails und legen Ordner an. Und das alles in einer Lebensphase, in der oft schon die kleinsten Alltagsaufgaben unglaublich viel Kraft kosten.
Es gibt eine gewisse Ironie darin.
Gerade Menschen, deren Energie ohnehin erschöpft ist, müssen häufig besonders viel Energie investieren, um überhaupt Hilfe zu finden.
Frauen trifft das oft besonders hart
Wenn man sich die Realität vieler Frauen anschaut, wird schnell deutlich, warum digitale Angebote zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Da ist die Mutter, die ihre Kinder morgens in die Schule bringt.
Die Angestellte, die zwischen Meetings versucht, den Alltag zusammenzuhalten.
Die Frau in den Wechseljahren, die plötzlich merkt, dass ihr Nervensystem nicht mehr so funktioniert wie früher.
Die pflegende Tochter.
Die Alleinerziehende.
Die Frau mit Kinderwunsch.
Die Frau nach einer Fehlgeburt.
Die Frau nach einer schwierigen Geburt.
Die Frau, die seit Monaten versucht, allen gerecht zu werden und irgendwann vergessen hat, sich selbst noch mitzudenken.
Viele Frauen organisieren nicht nur ihre eigene Gesundheit, sie organisieren die Gesundheit einer ganzen Familie.
Sie vereinbaren Kinderarzttermine.
Denken an Impfungen.
Begleiten Angehörige.
Planen Vorsorgeuntersuchungen.
Und schieben die eigene Unterstützung oft ganz nach hinten.
Nicht weil sie unwichtig wäre...einfach weil der Tag nur 24 Stunden hat. Manchmal sogar gefühlt nur zwölf.
Viele Frauen erleben psychische Belastungen nicht isoliert, sondern als Ausdruck eines überlasteten Nervensystems.
Der Moment, in dem ich meine Meinung geändert habe
Wenn ich ehrlich bin, war ich früher skeptisch.
Psychotherapie über einen Bildschirm?
Kann das wirklich funktionieren?
Kann Nähe entstehen?
Kann Vertrauen entstehen?
Kann man einen Menschen wirklich begleiten, wenn zwischen beiden eine Kamera steht?
Diese Fragen stellen sich viele Menschen und sie sind absolut verständlich.
Denn Psychotherapie lebt von Beziehung.
Nicht von Technik.
Nicht von Software.
Nicht von Apps.
Von Beziehung.
Genau deshalb hat mich die Forschung der letzten Jahre so überrascht.
Immer mehr Studien zeigen, dass videobasierte Psychotherapie bei vielen psychischen Erkrankungen ähnlich wirksam sein kann wie klassische Präsenztherapie. Besonders gut untersucht wurde dies bei Depressionen, Angststörungen und verschiedenen verhaltenstherapeutischen Verfahren. Auch die therapeutische Beziehung (also der wichtigste Wirkfaktor überhaupt) kann online tragfähig aufgebaut werden.
Mit anderen Worten: Die Kamera scheint deutlich weniger problematisch zu sein als viele von uns lange angenommen haben.
Vielleicht geht es gar nicht um Digitalisierung
Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr glaube ich, dass wir oft die falsche Frage stellen.
Die Frage lautet nicht: „Ist Online-Therapie genauso gut wie eine Therapie vor Ort?“
Die eigentlich spannende Frage lautet: „Warum mussten wir überhaupt neue Wege finden, um Menschen zu versorgen?“
Digitale psychische Versorgung entstand nicht, weil irgendjemand eines Tages beschloss, alles moderner zu machen. Sie entstand, weil Millionen Menschen Unterstützung brauchten und weil die bestehenden Systeme nicht mehr jeden rechtzeitig erreichen konnten.
Genau deshalb werden Online-Therapie, digitale Gesundheitsanwendungen und neue Versorgungsmodelle inzwischen in vielen Ländern nicht mehr als Notlösung betrachtet, sondern als Bestandteil moderner Gesundheitsversorgung.
Und je mehr ich die Entwicklung beobachte, desto stärker habe ich das Gefühl, dass wir erst am Anfang dieser Veränderung stehen.
Warum Online-Therapie oft besser funktioniert als viele denken
Als ich vor einigen Jahren die ersten Anfragen zu Online-Therapie wahrgenommen habe, war meine spontane Reaktion vermutlich dieselbe wie bei vielen anderen Menschen.
Kann das wirklich funktionieren?
Wenn wir an Psychotherapie denken, haben die meisten von uns sofort ein bestimmtes Bild im Kopf.
Ein ruhiger Raum, zwei Sessel oder eine Couch und eine Packung Taschentücher auf dem kleinen Tisch. Ein Mensch, der zuhört und ein Mensch, der erzählt. Und irgendwo zwischen diesen beiden Menschen entsteht langsam Vertrauen. Dieses Bild ist so fest in unserem Kopf verankert, dass alles andere zunächst fast falsch wirkt.
Psychotherapie über einen Laptop? Per Smartphone? Zwischen Küche und Kinderzimmer?
Das klingt für viele zunächst wie eine schlechtere Kopie des Originals.
Genau deshalb fand ich die wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten Jahre so spannend, denn sie erzählen eine andere Geschichte.
Die Überraschung aus der Forschung
Die entscheidende Erkenntnis lautet:Psychotherapie wirkt nicht wegen des Gebäudes. Sie wirkt wegen der Beziehung.
Natürlich spielt der Rahmen eine Rolle. Aber der wichtigste Wirkfaktor ist seit Jahrzehnten bekannt: die therapeutische Allianz.
Also das Vertrauen zwischen Therapeut und Patient.
Die gemeinsame Arbeit.
Das Gefühl, verstanden zu werden.
Und genau hier liegt die Überraschung. Zahlreiche internationale Studien konnten zeigen, dass diese therapeutische Beziehung auch online entstehen kann und teilweise sogar erstaunlich gut. Forscherinnen und Forscher fanden bei Depressionen, Angststörungen und anderen häufigen psychischen Erkrankungen kaum relevante Unterschiede zwischen Videotherapie und klassischen Präsenzsitzungen.
Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, musste ich selbst kurz innehalten. Denn intuitiv hätte ich etwas anderes erwartet. Doch wenn man genauer darüber nachdenkt, ergibt es Sinn. Schließlich telefonieren wir heute mit Familienmitgliedern auf anderen Kontinenten. Wir führen berufliche Vorstellungsgespräche per Video. Wir lernen Menschen online kennen.
Warum sollte also ausgerechnet eine therapeutische Beziehung grundsätzlich unmöglich sein?
Die eigentliche Stärke liegt oft zwischen den Sitzungen
Noch spannender wird es, wenn man sich moderne digitale Versorgungskonzepte anschaut. Denn viele Menschen stellen sich Online-Therapie wie eine klassische Therapiesitzung vor. Nur eben mit Kamera. Doch die spannendsten Entwicklungen gehen inzwischen deutlich weiter. Hier tauchen zwei Begriffe auf, die zunächst etwas technisch klingen: synchron und asynchron.
Hinter diesen Begriffen steckt aber etwas sehr Einfaches.
Synchron bedeutet: Therapeut und Patient sind gleichzeitig miteinander verbunden. Sie sprechen miteinander. Per Video oder per Telefon oder manchmal auch per Live-Chat. Das entspricht im Grunde einer klassischen Therapiesitzung.
Asynchron bedeutet: Die Unterstützung läuft weiter, obwohl beide nicht gleichzeitig online sind. Eine Patientin dokumentiert beispielsweise ihre Stimmung, bearbeitet Übungen und schreibt ihre Gedanken auf. Sie erhält Rückmeldungen, nutzt digitale Tagebücher und arbeitet mit therapeutischen Modulen. Der Therapeut antwortet zeitversetzt. Nicht in Echtzeit, aber dennoch persönlich.
Warum das für viele Frauen interessant sein kann
Wenn ich mit Frauen spreche, höre ich oft denselben Satz: "Eine Stunde Therapie ist gar nicht das Problem."
Das Problem ist alles drum herum.
Der Weg.
Die Organisation.
Die Kinderbetreuung.
Der Parkplatz.
Die Arbeitszeit.
Der Mental Load.
Die Planung.
Der Zeitdruck.
Viele Frauen müssen nicht nur einen Termin wahrnehmen. Sie müssen vorher ein kleines Logistikunternehmen gründen. Manchmal nur für fünfzig Minuten Unterstützung.
Genau hier entfalten digitale Modelle ihre Stärke. Nicht weil sie menschliche Beziehungen ersetzen, sondern weil sie Hürden reduzieren. Die Unterstützung wird näher an das reale Leben herangeholt und das ist ein Unterschied.
Was viele Anbieter heute anders machen
In Deutschland denken viele Menschen bei digitaler psychischer Versorgung zuerst an Apps. Doch die Landschaft ist inzwischen deutlich vielfältiger geworden.
Es gibt Anbieter, die echte psychotherapeutische Videobehandlungen anbieten.
Es gibt digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept.
Und es gibt hybride Modelle.
Gerade diese hybriden Modelle finde ich besonders interessant. Hier wird nicht versucht, die klassische Therapie abzuschaffen, sondern sie zu ergänzen.
Eine Patientin hat beispielsweise ihre regulären Gespräche per Video. den Sitzungen erhält sie Übungen, dokumentiert Symptome und arbeitet mit digitalen Werkzeugen. Sie bleibt in Kontakt und dadurch entsteht etwas, das klassische Versorgung oft nicht leisten kann: Kontinuität.
Denn psychische Belastungen halten sich bekanntlich nicht an Terminkalender.
Eine Panikattacke wartet nicht bis nächsten Dienstag.
Eine schlaflose Nacht fragt nicht nach dem nächsten freien Termin.
Und genau deshalb versuchen moderne Versorgungskonzepte zunehmend, auch die Zeit zwischen den Sitzungen sinnvoll zu begleiten. Das ist übrigens kein Alleinstellungsmerkmal einzelner Anbieter. Auch international entwickelt sich diese Kombination aus synchroner und asynchroner Begleitung zunehmend zum Standard moderner digitaler Versorgung.
Was andere Länder uns voraus haben
Je tiefer ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto deutlicher wurde für mich: Deutschland diskutiert an vielen Stellen noch über Dinge, die anderswo längst Alltag geworden sind.
In Großbritannien gehören digitale psychologische Angebote inzwischen selbstverständlich zum Versorgungssystem des NHS (National Health Service).
In den Niederlanden wurden digitale und klassische Versorgung früh miteinander verknüpft.
In Schweden ist es für viele Menschen längst normal, medizinische und psychologische Unterstützung zunächst digital zu nutzen.
Deutschland bewegt sich ebenfalls. Aber oft vorsichtiger, langsamer und manchmal auch skeptischer. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein, denn Sorgfalt ist wichtig. Gerade im Gesundheitswesen. Doch gleichzeitig stellt sich eine unbequeme Frage: Können wir es uns überhaupt leisten, auf neue Versorgungswege zu verzichten, wenn die Wartelisten immer länger werden?
Der Umgang mit psychischer Gesundheit unterscheidet sich weltweit teilweise erheblich.
Die eigentliche Debatte der Zukunft
Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto weniger glaube ich, dass die Zukunft in einem Entweder-oder liegt.
Nicht: Präsenz oder digital.
Nicht: Therapeut oder App.
Nicht :Mensch oder Technik.
Die spannendste Entwicklung scheint vielmehr in der Verbindung zu liegen.
Menschen brauchen Menschen. Daran wird sich vermutlich nichts ändern. Aber Menschen brauchen auch Orientierung, niedrige Hürden, Erreichbarkeit und Kontinuität. Und genau hier eröffnet die Digitalisierung Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch kaum denkbar waren.
Warum digitale psychische Versorgung vor allem eine Frage von Orientierung ist
Vor einiger Zeit habe ich einen Satz gelesen, der mich nicht mehr losgelassen hat.
Sinngemäß lautete er: "Menschen sterben heute nicht an Informationsmangel. Sie leiden an Orientierungsverlust."
Je länger ich im Gesundheitswesen arbeite, desto wahrer erscheint mir dieser Gedanke. Denn an Informationen mangelt es uns wirklich nicht. Noch nie in der Geschichte der Menschheit war Wissen so leicht verfügbar. Innerhalb weniger Sekunden finden wir Artikel, Videos, Podcasts, Erfahrungsberichte und Studien zu nahezu jedem Gesundheitsthema. Wir können Symptome googeln und Behandlungen vergleichen. Foren durchstöbern und Apps herunterladen. Und trotzdem fühlen sich viele Menschen orientierungsloser als je zuvor.
Und warum? Weil Informationen und Orientierung zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.
Die Frau, die eigentlich keine Informationen sucht
Wenn Frauen nach psychischer Unterstützung suchen, suchen sie selten nur Informationen. Sie suchen etwas anderes.
Sie suchen Sicherheit.
Entlastung und Einordnung.
Eine Antwort auf die Frage: "Was ist eigentlich gerade mit mir los?"
Das fällt besonders in sensiblen Lebensphasen auf.
Nach einer Fehlgeburt oder im unerfüllten Kinderwunsch.
Nach einer belastenden Geburt.
In den Wechseljahren.
Während einer Trennung.
Oder in einer Phase, in der plötzlich alles zu viel wird.
Viele Frauen beginnen dann zu recherchieren. Sie lesen, sie vergleichen, sie sammeln Wissen.
Aber häufig steckt hinter der Suchanfrage etwas ganz anderes.
Nicht: "Gib mir mehr Informationen."
Eher: "Hilf mir zu verstehen, was gerade passiert."
Und genau deshalb wird die Frage nach digitaler psychischer Versorgung in Zukunft vermutlich immer wichtiger.
Warum Hilfe oft zu spät beginnt
Eine der größten Schwächen vieler Gesundheitssysteme besteht darin, dass Unterstützung häufig erst beginnt, wenn die Belastung bereits sehr groß geworden ist.
Wenn die Arbeitsunfähigkeit da ist.
Wenn die Erschöpfung chronisch wird.
Wenn die Depression diagnostiziert wurde.
Wenn die Angststörung den Alltag bestimmt.
Doch psychische Belastungen entstehen selten von heute auf morgen. Dazwischen liegen oft Monate, manchmal sogar Jahre.
Eine lange Phase des Funktionierens.
Eine lange Phase des Aushaltens.
Eine lange Phase des "Es geht schon irgendwie."
Gerade Frauen sind darin oft erschreckend gut. Sie funktionieren. Organisieren. Kümmern sich. Halten zusammen. Und merken manchmal erst sehr spät, wie erschöpft sie eigentlich geworden sind.
Die Chance der Digitalisierung
Vielleicht liegt die größte Stärke digitaler Angebote deshalb gar nicht darin, Therapie zu ersetzen. Vielleicht liegt ihre größte Stärke darin, früher erreichbar zu sein. Näher und niedrigschwelliger. Weniger einschüchternd.
Viele Menschen würden niemals spontan eine psychotherapeutische Praxis anrufen. Sie lesen aber vielleicht einen Artikel oder nutzen ein digitales Programm oder machen einen Selbsttest. Vielleicht buchen sie ein Erstgespräch und probieren eine digitale Unterstützung aus. Der erste Schritt fühlt sich kleiner an. Und manchmal ist genau das entscheidend.
Nicht jede Frau braucht sofort eine Psychotherapie.
Aber viele Frauen brauchen Orientierung deutlich früher.
Die nächste Entwicklungsstufe: Wenn Systeme lernen, Menschen besser zu begleiten
Die spannendste Entwicklung der kommenden Jahre wird aus meiner Sicht nicht die nächste App sein, nicht die nächste Plattform und nicht die nächste technische Innovation.
Ich denke, dass es viel mehr um die Fragen gehen wird:
Wie können wir Menschen früher erreichen? Früher begleiten? Früher entlasten?
In vielen Ländern wird deshalb zunehmend darüber nachgedacht, wie digitale Werkzeuge, psychologische Versorgung, Prävention und Gesundheitskompetenz besser miteinander verbunden werden können. Dabei geht es nicht um Konkurrenz, es geht um das Netzwerk. Die klassische Therapie bleibt dabei ein zentraler Baustein, aber sie steht nicht mehr allein. Dazwischen entstehen neue Räume. Digitale Programme, Videogespräche, Begleitangebote und niedrigschwellige Unterstützung. Und vielleicht künftig auch intelligente Orientierungssysteme, die Menschen helfen, schneller den passenden Weg zu finden.
Was Frauen darüber wissen sollten
Wenn du diesen Artikel liest und selbst gerade nach Unterstützung suchst, möchte ich dir vor allem eines mitgeben: Digitale psychische Versorgung ist keine Therapie zweiter Klasse.
Sie ist auch kein Notbehelf für Menschen, die keinen Platz bekommen haben. Die wissenschaftliche Forschung der letzten Jahre zeigt immer deutlicher, dass digitale Angebote für viele Menschen wirksam, hilfreich und sinnvoll sein können. Nicht für jede Situation und nicht für jeden Menschen. Aber deutlich häufiger, als viele vermuten. Entscheidend ist nicht, ob die Unterstützung über einen Bildschirm oder in einem Therapieraum stattfindet. Entscheidend ist, ob du die Unterstützung bekommst, die du gerade brauchst.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Digitalisierung
Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto stärker glaube ich, dass die eigentliche Geschichte nicht von Technologie handelt. Sie handelt von Menschen.
Von Frauen, die oft viel länger funktionieren, als ihnen guttut.
Von Gesundheitssystemen, die versuchen, mit einem wachsenden Bedarf Schritt zu halten.
Von Fachkräften, die täglich ihr Bestes geben.
Und von der Frage, wie Hilfe in Zukunft erreichbar bleiben kann.
Vielleicht werden wir in einigen Jahren nicht mehr darüber diskutieren, ob psychische Unterstützung digital oder analog stattfindet. Vielleicht wird die entscheidende Frage eine andere sein.
Wie schaffen wir es, dass Menschen überhaupt rechtzeitig Unterstützung finden?
Denn die beste Therapie der Welt hilft wenig, wenn der Weg dorthin für viele Menschen zu lang geworden ist.
Du suchst Orientierung im Gesundheitssystem? Im kostenlosen Liebenswert Gesundheitsnavigator findest du zusätzliche Informationen zu Versorgung, Prävention und digitalen Gesundheitsangeboten.
FAQ
Ist Online-Psychotherapie genauso wirksam wie eine Therapie vor Ort?
Studien zeigen, dass Online-Psychotherapie bei vielen psychischen Erkrankungen ähnlich wirksam sein kann wie Präsenztherapie.
Was ist der Unterschied zwischen Online-Psychotherapie und einer DiGA?
Online-Psychotherapie erfolgt durch Gespräche mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten. Eine DiGA ist ein digitales Gesundheitsprogramm, das ärztlich verordnet werden kann.
Übernimmt die Krankenkasse Online-Psychotherapie?
Unter bestimmten Voraussetzungen können gesetzliche Krankenkassen die Kosten übernehmen. Dies hängt vom jeweiligen Versorgungsmodell und den rechtlichen Rahmenbedingungen ab.
Was bedeutet synchrone und asynchrone Therapie?
Synchron bedeutet, dass Therapeut und Patient gleichzeitig miteinander sprechen. Asynchron bedeutet, dass Übungen, Nachrichten oder Feedback zeitversetzt erfolgen.
Welche Vorteile hat Online-Psychotherapie für Frauen?
Digitale Angebote können Wartezeiten verkürzen und den Zugang zu Unterstützung erleichtern, insbesondere bei Kinderbetreuung, Mental Load oder eingeschränkter Mobilität.
Quellen & weiterführende Informationen
Wissenschaftliche Grundlagen zur Online-Psychotherapie
Carlbring, P. et al. (2018) Internet-based vs. face-to-face cognitive behavior therapy for psychiatric and somatic disorders: An updated systematic review and meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy, 47(1), 1–18.
Eine der wichtigsten Metaanalysen zum Vergleich von internetbasierter und klassischer Psychotherapie. Die Autoren fanden bei vielen psychischen und somatischen Erkrankungen vergleichbare Behandlungsergebnisse.
Batastini, A.B. et al. (2021) Videoconference-Based Therapy: A Systematic Review of Telepsychology Research.
Umfassende Analyse zur Wirksamkeit videobasierter Psychotherapie und zur therapeutischen Beziehung im digitalen Setting.
Berryhill, M.B. et al. (2019) Videoconferencing Psychotherapy and Depression: A Systematic Review.
Systematische Übersichtsarbeit zur Wirksamkeit von Videotherapie bei Depressionen.
Fachgesellschaften
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
Positionspapiere und Stellungnahmen zur Videobehandlung und digitalen Versorgung.
https://www.dgppn.de
Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV)
Informationen zur Durchführung und Qualität von Videotherapie.
https://www.dptv.de
Digitale Gesundheitsversorgung
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
Offizielles Verzeichnis der Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA).
https://diga.bfarm.de
World Health Organization (WHO)
Global Strategy on Digital Health 2020–2025.
https://www.who.int
Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD)
Internationale Analysen zur Digitalisierung von Gesundheitssystemen.
https://www.oecd.org/health
Beispiele digitaler psychischer Versorgungsangebote
Die folgenden Anbieter werden ausschließlich zur journalistischen Einordnung unterschiedlicher Versorgungsmodelle genannt:
KIRINUS
MindDoc
HelloBetter
Selfapy
Invirto
Mindable
Die Nennung stellt keine Empfehlung oder Bewertung einzelner Angebote dar.
Dieser Artikel ist Teil einer größeren Entwicklung: der weltweiten Digitalisierung psychischer Versorgung. Das Zukunftslabor Frauengesundheit ordnet ein, was hier sichtbar wird - Versorgungslücken, digitale Angebote und die wachsende Bedeutung von Orientierung und Gesundheitskompetenz.
→ Zur Einordnung im Zukunftslabor
Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert