Was tun, wenn ich keinen Therapieplatz finde?

Frau blickt nachdenklich auf Wasser - Psychotherapie Wartezeit

 

"Ich habe endlich den Mut gefunden, mir Hilfe zu suchen. Aber überall sind die Wartelisten voll. Die ersten Therapeutinnen und Therapeuten, die ich angerufen habe, nehmen keine neuen Patienten auf. Was soll ich jetzt tun?"

 

Zunächst einmal: Es tut mir leid, dass du gerade an diesem Punkt stehst.

Die Entscheidung, sich Hilfe zu suchen, fällt den wenigsten Menschen leicht.

Viele überlegen wochenlang, manche monatelang...andere sogar jahrelang.

Sie reden sich ein, dass es schon wieder besser wird. Dass andere größere Probleme haben. Dass sie sich nicht so anstellen sollen.

Und dann kommt irgendwann der Moment, an dem sie merken: So wie bisher geht es nicht mehr.

Sie nehmen ihren Mut zusammen.

Greifen zum Telefon.

Schreiben E-Mails.

Suchen nach Therapeutinnen und Therapeuten.

Und hören immer wieder denselben Satz:

"Leider haben wir aktuell keine freien Plätze."

Das kann unglaublich frustrierend sein. Vor allem dann, wenn man ohnehin schon erschöpft ist.

 

Die erste Wahrheit: Deine Probleme sind nicht zu klein

 

Wenn du keinen Therapieplatz findest, bedeutet das nicht, dass deine Belastung nicht wichtig genug ist. Es bedeutet auch nicht, dass du dich "nicht genug anstrengst". Und es bedeutet schon gar nicht, dass du keine Unterstützung verdienst.

In meiner Arbeit bei einer gesetzlichen Krankenkasse gehört die Frage nach Therapieplätzen und dem sogenannten Kostenerstattungsverfahren inzwischen zu den häufigsten Anliegen überhaupt.

Viele Betroffene haben bereits zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Praxen kontaktiert, bevor sie sich an ihre Krankenkasse wenden.

Das Problem liegt also meist nicht bei dir.

Das Problem ist, dass die Nachfrage nach psychotherapeutischer Unterstützung seit Jahren steigt und viele Regionen an ihre Grenzen gekommen sind.

Das macht die Situation nicht besser, aber vielleicht hilft es zu wissen, dass du mit diesem Problem nicht allein bist.

 

Die zweite Wahrheit: Bitte höre jetzt nicht auf zu suchen

 

Nach mehreren Absagen entsteht schnell ein gefährlicher Gedanke: "Dann bringt das wohl sowieso nichts."

Genau an diesem Punkt geben viele Menschen auf. Nicht weil sie keine Hilfe mehr brauchen. Die Suche selbst ist zu anstrengend geworden.

Falls du dich darin wiedererkennst, möchte ich dir etwas sagen:

Bitte höre nicht auf.

Mach vielleicht eine Pause.

Atme durch.

Bitte jemanden um Unterstützung.

Aber höre nicht auf.

Manchmal braucht es mehrere Anläufe.

Manchmal mehrere Wege gleichzeitig.

Und manchmal öffnet sich eine Tür genau dort, wo man sie nicht erwartet hätte.

 

Welche Möglichkeiten gibt es konkret?

 

Wenn du aktuell keinen Therapieplatz findest, gibt es verschiedene Wege, die du kennen solltest.

Viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, dass jede gesetzlich versicherte Person Anspruch auf eine psychotherapeutische Sprechstunde hat. Termine können häufig über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen unter der Telefonnummer 116117 vermittelt werden.

Auch dein Hausarzt oder deine Hausärztin kann ein wichtiger Ansprechpartner sein. Oft kennen Hausärzte regionale Versorgungsangebote oder können bei der weiteren Orientierung helfen.

Je nach Wohnort gibt es außerdem psychosoziale Beratungsstellen, Krisendienste oder Selbsthilfegruppen, die Unterstützung anbieten können.

Und wenn du trotz intensiver Suche keinen Therapieplatz bei einer zugelassenen Praxis findest, kann unter bestimmten Voraussetzungen auch das sogenannte Kostenerstattungsverfahren nach § 13 SGB V eine Rolle spielen. Dabei übernimmt die Krankenkasse unter bestimmten Bedingungen die Kosten für eine Behandlung bei Therapeutinnen oder Therapeuten ohne Kassenzulassung.

Wenn du hierzu Fragen hast, lohnt sich ein Gespräch mit deiner Krankenkasse.

 

Was viele Menschen nicht wissen

 

Lange Zeit gab es scheinbar nur zwei Möglichkeiten:

Entweder einen Therapieplatz bekommen oder warten.

Heute ist die Realität etwas vielfältiger.

In den letzten Jahren sind verschiedene digitale Angebote entstanden.

Dazu gehören beispielsweise Online-Psychotherapien, digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept und andere Formen psychologischer Unterstützung.

Diese Angebote ersetzen nicht jede Therapie und sie sind nicht für jede Situation geeignet. Aber sie können für manche Menschen eine wichtige Brücke sein. Gerade dann, wenn Wartezeiten lang sind oder der Zugang zu Unterstützung schwierig wird.

 

Vielleicht überrascht dich das...

 

Die wissenschaftliche Forschung zeigt inzwischen, dass Online-Psychotherapie bei vielen psychischen Erkrankungen ähnlich wirksam sein kann wie klassische Präsenztherapie.

Entscheidend ist dabei nicht, ob die Unterstützung über einen Bildschirm oder in einem Therapieraum stattfindet. Entscheidend ist, dass Unterstützung überhaupt erreichbar wird. 

 

Du musst nicht warten, bis alles zusammenbricht

 

Dieser Gedanke ist mir besonders wichtig.

Viele Menschen glauben, sie müssten erst vollkommen am Ende sein, bevor sie Hilfe suchen dürfen.

Doch genau das stimmt nicht.

Du musst nicht erst zusammenbrechen.

Du musst nicht erst arbeitsunfähig werden.

Du musst nicht erst jeden Tag weinen.

Du musst nicht erst beweisen, wie schlecht es dir geht.

Du darfst Unterstützung suchen, bevor aus Belastung eine Krise wird.

Eigentlich wäre das sogar der bessere Zeitpunkt.

 

Und wenn du gerade nur den nächsten Tag schaffen musst?

 

Manchmal geht es nicht darum, die perfekte Lösung zu finden.

Manchmal geht es nur darum, den nächsten Schritt zu gehen.

Den nächsten Anruf.

Die nächste E-Mail.

Den nächsten Termin.

Die nächste kleine Unterstützung.

Und manchmal reicht für heute auch die Erkenntnis:

Ich muss diesen Weg nicht alleine gehen.

 

Weiterlesen

Immer mehr Menschen suchen psychologische Unterstützung, während Therapieplätze vielerorts knapp bleiben. Gleichzeitig entstehen weltweit neue Wege der Versorgung – von Online-Psychotherapie über digitale Gesundheitsanwendungen bis hin zu hybriden Modellen, die klassische Therapie ergänzen.

In unserem Leitartikel erfährst du, warum psychische Versorgung weltweit zunehmend digital wird, was Studien über die Wirksamkeit von Online-Therapie sagen und welche Chancen diese Entwicklung insbesondere für Frauen bietet.

→ Warum psychische Versorgung weltweit zunehmend digital wird und was Frauen darüber wissen sollten

 

FAQ

 

Was kann ich tun, wenn ich keinen Therapieplatz finde?

Neben weiteren Anfragen bei psychotherapeutischen Praxen können die Terminservicestelle 116117, Hausärzte, Beratungsstellen oder digitale Versorgungsangebote helfen.

 

Wie lange wartet man auf einen Therapieplatz?

Die Wartezeit kann je nach Region und Fachrichtung stark variieren und beträgt häufig mehrere Monate.

 

Kann die Krankenkasse eine Therapie bei einem privaten Therapeuten bezahlen?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann ein Kostenerstattungsverfahren nach § 13 SGB V möglich sein.

 

Was ist das Kostenerstattungsverfahren?

Wenn keine zeitnahe Versorgung bei zugelassenen Therapeutinnen oder Therapeuten möglich ist, kann die Krankenkasse in Einzelfällen die Kosten für eine Behandlung außerhalb der Regelversorgung übernehmen.

 

Kann Online-Psychotherapie eine Alternative sein?

Studien zeigen, dass Online-Psychotherapie bei vielen psychischen Erkrankungen ähnlich wirksam sein kann wie klassische Präsenztherapie.

 

Wird Online-Psychotherapie von den Krankenkassen bezahlt?

Ja, unter bestimmten Voraussetzungen können gesetzliche Krankenkassen die Kosten für Online-Psychotherapie übernehmen. Einige psychotherapeutische Praxen und Versorgungsanbieter arbeiten direkt mit den Krankenkassen zusammen, sodass die Behandlung wie eine reguläre Psychotherapie abgerechnet werden kann. Daneben gibt es digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die ärztlich verordnet werden können. Welche Leistungen übernommen werden, hängt vom jeweiligen Angebot und den individuellen Voraussetzungen ab.

 

 

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👉Dieser Artikel ist Teil der Serie: "Frag Liebenswert: Weil keine Frage zu sensibel ist"

Alle Artikel findest du hier

 

Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert

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