Serie: Orientierung nach Schwangerschaftsverlust
Gemeinsam mit der Trauerbegleiterin Pascale Chartrain (Kinderwunschzeit.de) beleuchtet diese Serie medizinische, emotionale und gesellschaftliche Aspekte von Fehlgeburt, Totgeburt und stillem Geburtserleben. Ziel ist nicht nur Information, sondern Orientierung in einer Zeit, in der vielen Frauen genau diese fehlt.
EMDR und Brainspotting – kurz erklärt
Zwei Begriffe aus der Traumatherapie, die in Teil 2 dieser Serie gefallen sind und die eine eigene, verständliche Erklärung verdienen.
In "Die ersten 72 Stunden" haben wir erwähnt, dass es über allgemeine Gesprächsangebote hinaus traumasensible Verfahren wie EMDR und Brainspotting gibt. Zwei Begriffe, die vielen fremd sind, gerade weil sie in der Traumatherapie zu Hause sind, nicht in der klassischen Vorstellung von Trauerbegleitung. Hier holen wir das nach.
Was ist EMDR?
Aus dem Interview: Pascale Chartrain unterscheidet zwischen der Trauer um das verlorene Kind und möglichen traumatischen Anteilen eines Schwangerschaftsverlustes. Besonders Situationen, die mit großer Hilflosigkeit, Machtlosigkeit oder Kontrollverlust verbunden sind, können als traumatisch erlebt werden. EMDR setzt nach ihrer Erfahrung dort an, wo rationales Verstehen allein häufig nicht ausreicht: Eine Frau kann beispielsweise wissen, dass sie keine Schuld am Tod ihres Kindes trägt, und sich dennoch schuldig fühlen. Durch die Verarbeitung kann die emotionale Intensität eines belastenden Erlebnisses abnehmen, ohne dass dadurch die Bedeutung des Verlustes oder des verstorbenen Kindes geschmälert wird.
Unsere Recherche dazu: EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing". Das Verfahren geht auf eine Beobachtung der US-amerikanischen Psychologin Francine Shapiro im Jahr 1987 zurück; 1989 veröffentlichte sie die erste kontrollierte Studie zu dem daraus entwickelten Verfahren. Kernelement ist eine bilaterale Stimulation – meist geführte Augenbewegungen, teils auch Klopfen oder Töne im Wechsel –, während die belastende Erinnerung in kontrolliertem Rahmen aktiviert wird. Wechselnde Augenbewegungen sind für unser Gehirn nichts Ungewöhnliches: Auch während der REM-Schlafphase bewegen sich die Augen schnell hin und her, und diese Schlafphase spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Erinnerungen und emotionalen Erfahrungen. Die bilateralen Augenbewegungen bei EMDR erinnern daran, auch wenn wissenschaftlich nicht abschließend geklärt ist, ob dabei dieselben Mechanismen wirken. Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat EMDR 2006 als wirksame Methode zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Erwachsenen anerkannt; seit 2015 kann EMDR im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie auch gesetzlich versicherten Erwachsenen angeboten werden. Das macht es zu einer der am besten belegten Traumamethoden überhaupt – auch wenn es dabei nicht um posttraumatische Belastungsstörung im engeren Sinn gehen muss, um von der Methode zu profitieren.
Was ist Brainspotting?
Aus dem Interview: Nach Chartrains Erfahrung kann Brainspotting besonders hilfreich sein, wenn die Aktivierung einer belastenden Erinnerung für eine Klientin so intensiv wird, dass sie sich nur für wenige Sekunden mit dieser Situation verbinden kann. Dabei wird die Körperempfindung in Bezug auf die belastende Situation wahrgenommen und im Blickfeld nach einer Position gesucht, an der diese besonders deutlich spürbar wird. Gleichzeitig kann sehr gezielt mit Ressourcenpunkten gearbeitet werden, die der Klientin Sicherheit geben und ihr helfen, sich während des Verarbeitungsprozesses immer wieder sanft zu regulieren. Genau diese Möglichkeit, zwischen Aktivierung und dem Arbeiten in der Ressource zu wechseln, erlebt Chartrain als Grund, warum Brainspotting in ihrer Praxis eine wertvolle Ergänzung zu EMDR ist.
Unsere Recherche dazu: Brainspotting wurde 2003 von David Grand, einem US-amerikanischen Psychotherapeuten, entwickelt, der zuvor selbst mit EMDR gearbeitet hatte. Die Grundidee: Ein bestimmter Punkt im Blickfeld kann mit einem gespeicherten belastenden Zustand verknüpft sein; wird dieser „Spot" gehalten, soll die Verarbeitung angestoßen werden können, ganz ohne dass die Erfahrung in Worte gefasst werden muss. Die wissenschaftliche Datenlage zu Brainspotting ist damit bislang deutlich schmaler als zu EMDR. Gleichzeitig liegen erste Untersuchungen mit positiven Ergebnissen vor. Pascale Chartrain setzt Brainspotting seit vielen Jahren ergänzend zu EMDR ein und berichtet aus ihrer praktischen Arbeit von guten Erfahrungen mit der Methode.
Wie du eine passende Praxis findest
Aus dem Interview: Zu EMDR sagt Chartrain konkret, dass eine Sitzung auch online per Videositzung stattfinden kann – etwa als bilaterale Stimulation über geführte Augenbewegungen am Bildschirm. Ob eine Anwendung online oder vor Ort sinnvoller ist, entscheidet sich nach ihrer Beschreibung in einem beratenden Vorgespräch. Ausschlaggebend dafür sind vor allem die Stabilität der Klientin und ihr Bedürfnis nach Sicherheit – und, wie stark das jeweilige Thema belastet. Ob diese Kriterien auch für Brainspotting gelten, sagt sie im Interview nicht ausdrücklich.
Wenn du dich fragst, ob EMDR oder Brainspotting für dich infrage kommt: Das musst du nicht allein entscheiden. Eine erste Anfrage bei einer entsprechend ausgebildeten Praxis kostet nichts, und ein Vorgespräch ist genau dafür da, gemeinsam herauszufinden, was zu deiner Situation passt – auch, ob online oder vor Ort. (Allgemeine Einordnung der Redaktion.)
Weiterlesen:
Die ersten 72 Stunden (Teil 2) · Der Körper weiß es noch nicht (Teil 1)
Was ich meinem Umfeld sagen kann – und was nicht (Teil 3)
Hinweis: Dieser Text ersetzt keine therapeutische Beratung. Ob EMDR oder Brainspotting für dich geeignet sind, klärt sich am besten im persönlichen Vorgespräch mit einer entsprechend ausgebildeten Fachperson.

ÜBER DIE EXPERTIN
Pascale Chartrain ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte BKiD-Kinderwunschberaterin und begleitet Frauen seit 2010 in der Kinderwunschzeit.
Sie arbeitet mit Frauen und Paaren, die durch Kinderwunschbehandlungen, Schwangerschaftsverluste oder ein Geburtstrauma emotional stark belastet sind.
Mit traumasensiblen und körperorientierten Methoden unterstützt sie dabei, Ängste, Trauer, Schuldgefühle, Kontrollverlust und andere belastende Erfahrungen Schritt für Schritt zu verarbeiten – immer in ihrem eigenen Tempo.
In ihrer Begleitung stehen nicht nur der Kinderwunsch, sondern auch die Würde jeder Frau und jedes Kindes im Mittelpunkt.
Mehr über ihre Arbeit: www.kinderwunschzeit.de
Quellen
Aussagen zu persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen aus der Beratungspraxis stammen aus dem Interview mit Pascale Chartrain (Kinderwunschzeit.de) und sind im Text als "Aus dem Interview" gekennzeichnet; vor Veröffentlichung mit ihr autorisiert.
Ergänzend recherchiert: Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie, Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung von EMDR; Deutsches Ärzteblatt, Bekanntmachungen zur Anerkennung der EMDR-Methode nach § 11 PsychThG; BPtK-Meldungen zu EMDR; zur Einordnung von Brainspotting (Entwicklung durch David Grand, Studienlage): allgemein zugängliche Fachdarstellungen zur Methode, u. a. auf brainspotting.com und in einschlägigen Fachartikeln zur Beleglage.
Autorin: Bettina Müller-Farné - Redaktion Praxis Liebenswert
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