Brauche ich sie oder bin ich dann schwach? Eine ruhige Einordnung für unsichere Nächte
Manche Fragen tauchen nicht tagsüber auf.
Sondern nachts, leise...zwischen zwei Atemzügen.
Zum Beispiel diese:
„Wenn ich eine PDA brauche … bin ich dann schwach?“
Ich kenne diese Frage gut. Vielleicht sogar ein bisschen zu gut.
Vor der Geburt meiner ersten Tochter hatte ich nämlich vor allem eins:
Angst.
Nicht dieses romantische „Respekt vor der Geburt“.
Sondern echte, handfeste Angst.
Vor den Schmerzen.
Vor dem Kontrollverlust.
Vor diesem riesigen Unbekannten, über das alle reden
und zwar auffällig gern in Horror-Versionen.
(Ich weiß nicht, warum Geburtsgeschichten auf Familienfeiern fast immer klingen wie Katastrophenfilme.)
Ich wollte eine „normale“ Geburt.
Natürlich, stark, souverän. Zumindest in der Theorie.
In der Praxis lag ich im Krankenhaus, bekam das erste CTG,
die Hebamme schaute mich freundlich an,
und mein Muttermund war …
1 Zentimeter.
Ein. Zentimeter.
Und ich so:
„Können wir bitte über eine PDA sprechen?“ 😅
Der Zugang wurde gelegt.
Alles vorbereitet....Plan stand. Nur hatte meine Tochter offensichtlich einen anderen.
Innerhalb von zwei Stunden war der Muttermund komplett offen.
10 Zentimeter.
Die Hebamme leicht überrascht.
Ich auch.
Für eine PDA blieb schlicht keine Zeit mehr.
Ich habe also nie eine bekommen.
Ich kenne sie nur aus Erzählungen.
Aber die Angst davor, sie zu „brauchen“?
Die kenne ich sehr gut.
Und genau darüber möchte ich heute sprechen.
Nicht darüber, ob eine PDA richtig oder falsch ist.
Sondern darüber, warum wir Frauen überhaupt glauben, uns dafür rechtfertigen zu müssen.
Warum eine PDA kein Lager ist (und keine moralische Entscheidung)
Rund um Geburt gibt es erstaunlich viele unsichtbare Regeln.
Ohne PDA = stark.
Mit PDA = bequem.
Ohne Eingriffe = natürlich.
Mit Eingriffen = versagt.
Niemand sagt das offiziell, aber es hängt irgendwie im Raum.
In Geburtsvorbereitungskursen.
In Foren.
In gut gemeinten Gesprächen.
Und manchmal leider auch zwischen den Zeilen von Fachpersonal.
Plötzlich fühlt sich eine medizinische Option nicht mehr an wie ein Werkzeug..eher wie eine Charakterfrage. Als müsste man sich beweisen oder als wäre Geburt ein Test.
Bestehen oder durchfallen.
Aber eine PDA ist kein Statement.
Keine Haltung.
Kein Beweis deiner Stärke.
Sie ist auch kein „Aufgeben“.
Sie ist schlicht: eine Form von Schmerztherapie.
Nicht mehr. Nicht weniger.
So nüchtern darf man das ruhig sagen.
Was mich immer wieder erstaunt:
Wir würden niemals zu einer Frau sagen: „Also wenn du bei einer Zahn-OP eine Betäubung nimmst, bist du halt nicht so tapfer.“
Aber bei Geburt? Da wird plötzlich bewertet.
Verglichen. Heroisiert. Als müssten Frauen leiden, um „gut“ zu gebären.
Ganz ehrlich: Das ist kein Naturgesetz...das ist Kultur.
Und Kultur darf man hinterfragen.
Geburt ist kein Lagerfeuer, bei dem man sich entscheiden muss: Team Natur oder Team Medizin.
Geburt ist ein Prozess und manchmal braucht dieser Prozess Ruhe.
Manchmal Bewegung, manchmal Unterstützung und manchmal eben auch eine PDA.
Nicht, weil du schwach bist...weil du ein Mensch bist.
Selbstbestimmung heißt nicht: „Ich halte alles aus.“
Selbstbestimmung heißt: „Ich darf entscheiden, was mir Sicherheit gibt.“
Und diese Entscheidung darf sich sogar im Verlauf der Geburt ändern.
Du darfst morgens mutig sein und abends müde.
Du darfst vorbereitet sein und trotzdem überfordert.
Du darfst stark sein und Hilfe annehmen.
Das widerspricht sich nicht, denn das ist menschlich.
Deshalb mag ich den Gedanken nicht, dass wir Frauen in „mit PDA“ oder „ohne PDA“ einteilen.
Das sind keine Identitäten. Das sind nur Wege und beide dürfen würdevoll sein.
Was bei Geburt wirklich entscheidet – dein Nervensystem
Über Geburt sprechen wir oft, als wäre sie reine Willenskraft.
Und als müsste man nur stark genug sein.
Genug aushalten. Genug durchziehen.
Aber dein Körper funktioniert nicht nach Mut, er funktioniert nach Sicherheit.
Dein Nervensystem stellt während der Geburt im Grunde nur eine einzige Frage:
Bin ich sicher oder bin ich in Gefahr? Mehr nicht.
Und wenn dein System Sicherheit spürt, passiert etwas Faszinierendes:
Dein Körper öffnet sich, Oxytocin fließt, Wehen werden rhythmisch, Gewebe wird weich.
Der Muttermund arbeitet mit und Geburt darf geschehen.
Wenn dein System jedoch Stress spürt, macht dein Körper etwas völlig Logisches:
Er schützt dich.
Adrenalin steigt, Muskeln spannen sich an, deine Atmung wird flach, alles zieht sich zusammen.
Nicht, weil du versagst, sondern weil dein Körper denkt: „Gefahr. Ich muss kämpfen.“
Und Kampf ist das Gegenteil von Öffnung.
Das ist der Punkt, über den so wenig gesprochen wird:
Schmerz ist nicht nur Schmerz.
Schmerz kann Angst machen.
Und Angst kann Geburt blockieren.
Nicht bei jeder Frau, aber bei vielen.
Und vor allem bei sensiblen, feinfühligen, sehr wachen Frauen.
Also genau bei denen, die hier lesen.
Manchmal ist eine PDA kein Rückschritt, sie ist Regulation.
Manchmal ist sie genau das Signal, das dein Nervensystem braucht, um endlich loszulassen.
Kein: „Ich gebe auf.“...vielleicht einfach „Ich darf aufhören zu kämpfen.“
Und plötzlich wird der Körper weich, der Atem ruhiger, die Gedanken stiller und Geburt wird wieder möglich.
Heißt das, jede Frau braucht eine PDA?
Nein, natürlich nicht.
Manche fühlen sich ohne Eingriffe sicherer.
Manche mit.
Der Punkt ist nicht die Methode.
Der Punkt ist: Fühlst du dich gehalten oder ausgeliefert?
Denn Sicherheit ist individuell. Und sie sieht für jede Frau anders aus.
Vielleicht ist Sicherheit:
die vertraute Hebamme.
eine Badewanne.
eine Hand, die dich hält.
Hypnose.
Bewegung.
oder eben eine PDA.
Alles davon kann richtig sein und nichts davon ist ein Beweis von Stärke oder Schwäche.
Es sind nur Wege zurück in deinen Körper.
Ich glaube, wir haben Frauen viel zu lange beigebracht: „Halte durch.“
Dabei wäre die wichtigere Botschaft: „Finde heraus, was dir Sicherheit gibt.“
Denn Geburt ist keine Mutprobe.
Sie ist ein biologischer Prozess.
Und Biologie reagiert nicht auf Ideale.
Sie reagiert auf Sicherheit.
Immer.
Frag Liebenswert: Wenn du unsicher bist …
Wenn du unsicher bist wegen der PDA …
Vielleicht brauchst du gerade keine Antwort.
Sondern einen Moment, um dir selbst zuzuhören.
Vielleicht helfen dir diese Fragen.
Nicht zum Entscheiden.
Nur zum Spüren.
Wovor habe ich eigentlich am meisten Angst...vor dem Schmerz oder davor, die Kontrolle zu verlieren?
Wenn niemand mich bewerten würde: Was würde ich mir ganz ehrlich wünschen?
Will ich gerade stark wirken oder mich sicher fühlen?
Was hat mir in anderen intensiven Momenten meines Lebens Sicherheit gegeben? Nähe? Ruhe? Unterstützung? Medizinische Hilfe?
Darf meine Geburt auch leichter sein, als ich es mir vorgestellt habe?
Darf ich meine Meinung während der Geburt ändern – ohne mich rechtfertigen zu müssen?
Wenn ich mir selbst wie einer guten Freundin begegnen würde: Was würde ich ihr erlauben?
(Pause beim Lesen. Nicht weiterhetzen. Genau hier passiert Regulation.)
Und vielleicht die wichtigste Frage von allen:
Was würde mein Körper wählen, wenn mein Kopf endlich still wäre?
Manchmal gibt es darauf keine klare Antwort.
Und weißt du was? Das ist okay.
Du musst das heute nicht entscheiden.
Du darfst nur wissen:
Du musst nichts beweisen.
Nicht tapfer sein.
Nicht „natürlich genug“.
Nicht perfekt vorbereitet.
Du darfst einfach eine Frau sein, die sich sicher fühlen möchte.
Und das ist mehr als genug.
Ein leiser Gedanke zum Schluss
Vielleicht wird deine Geburt ganz anders, als du sie dir heute vorstellst.
Vielleicht ohne PDA.
Vielleicht mit.
Vielleicht mit Wendungen, die niemand planen konnte.
Geburt folgt selten unseren Konzepten.
Aber sie folgt sehr zuverlässig einem Gefühl: Sicherheit.
Und Sicherheit darf viele Formen haben.
Manchmal ist sie eine vertraute Stimme, eine Hand in deiner, ein ruhiger Raum oder eine medizinische Unterstützung, die dir erlaubt, endlich loszulassen.
Nichts davon macht dich stärker oder schwächer....es macht dich nur menschlich.
Und du musst dich nicht beweisen, nicht kämpfen und auch nicht „durchhalten“.
Du darfst dich getragen fühlen. Mehr ist nicht nötig.
Und falls du merkst,
dass allein das Nachdenken über Geburt gerade schon dein Herz schneller schlagen lässt,
dass dein Körper sich anspannt,
dass du innerlich unruhig wirst...
dann brauchst du vielleicht gerade keine Entscheidung.
Dann brauchst du erst einmal einen Ort zum Ankommen.
Einen Moment, in dem dein System wieder weich werden darf.
Bei Praxis Liebenswert findest du dafür ein paar stille Räume.
Geführte kleine Pausen.
Zum Atmen.
Zum Boden spüren.
Zum Sammeln.
Nicht als Vorbereitung.
Nicht als Methode.
Nur als Begleitung.
Du darfst dich dort einfach hinsetzen.
Mehr nicht.
Häufige Fragen zur PDA bei der Geburt
Ist eine PDA gefährlich fürs Baby?
Eine PDA gilt als gut erforschte Schmerztherapie. Wichtig ist, dass du dich gut informiert und sicher begleitet fühlst.
Bin ich schwach, wenn ich eine PDA möchte?
Nein. Eine PDA ist keine Charakterfrage, sondern eine medizinische Option. Entscheidend ist, was dir Sicherheit gibt.
Kann ich mich während der Geburt noch umentscheiden?
Ja. Deine Bedürfnisse dürfen sich jederzeit ändern. Selbstbestimmung heißt auch, flexibel bleiben zu dürfen.
Vielleicht auch gut für dich...
Manche Entscheidungen lassen sich nicht im Kopf lösen, sondern im Körper.
Wenn dein Nervensystem gerade eher angespannt als klar ist, findest du hier leise Begleitung:
🌿 Seelenreise durch den Kaiserschnitt – Würde, wenn Geburten anders verlaufen
🌿 3 heilsame Rituale für die Schwangerschaft – kleine Anker für unsichere Tage
🌿 Quiet Rooms für dein Nervensystem – geführte 6-Minuten-Pausen zum Ankommen
Autorin: Bettina Müller-Farné - Herausgeberin des Liebenswert-Magazins
Kommentar hinzufügen
Kommentare