Nicht jedes Wissen lässt sich in Methoden fassen. Manches entsteht zwischen Erfahrung, Haltung und der Bereitschaft, Übergänge nicht zu vereinfachen.
Manchmal schreiben mir Frauen und fragen, woher dieses Wissen eigentlich kommt.
Ob es eine Ausbildung dafür gibt.
Einen klaren Weg.
Oder eine Methode, die man lernen kann.
Die ehrliche Antwort lautet: Nein.
Und genau das irritiert viele zuerst.
Denn wir leben in einer Welt, in der fast alles ein System braucht.
Ein Zertifikat.
Ein Curriculum.
Einen sauberen Anfang und ein eindeutiges Ende.
Übergänge lassen sich so nicht ordnen.
Zwischen System und Lebensrealität
Ich arbeite seit vielen Jahren an einer Schnittstelle, die selten sichtbar ist:
zwischen hochregulierten Gesundheitssystemen und sehr persönlichen Lebensrealitäten.
Ich kenne formale Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten und Vorgaben.
Und ich kenne die Stellen, an denen diese Ordnung endet...genau dort, wo Leben unübersichtlich wird: beim Kinderwunsch, in der Schwangerschaft, bei Geburt, bei Verlust.
Diese Gleichzeitigkeit prägt meine Arbeit.
Vielleicht ist genau deshalb aus Praxis Liebenswert kein Ratgeberprojekt entstanden.
Sondern ein Raum.
Warum Ritualwissen kein Werkzeugkasten ist
Rituale interessieren mich nicht als Technik.
Nicht als etwas, das man „anwendet“.
Nicht als spirituelle Abkürzung.
Mich interessiert etwas Grundsätzlicheres:
Warum haben Menschen in völlig unterschiedlichen Kulturen Übergänge gestaltet?
Warum gibt es überall auf der Welt Rituale rund um Fruchtbarkeit, Geburt, Abschied und Neubeginn – unabhängig voneinander?
Ein großer Teil meines Ritualverständnisses ist nicht aus Büchern entstanden, sondern aus Begegnung.
Aus Zeit im Ausland.
Aus Zuhören.
Aus dem Beobachten, was Menschen trägt, wenn Sprache nicht mehr ausreicht.
Rituale sind für mich keine exotischen Praktiken.
Sie sind kulturelle Antworten auf Überforderung.
Erfahrung ist nicht gleich Anleitung
Ein Punkt, den ich sehr bewusst halte:
Erfahrung ist keine Anleitung.
Dass jemand etwas erlebt hat, macht es nicht zu einer Wahrheit für andere.
Und schon gar nicht zu einem Weg, den man übernehmen sollte.
Viele meiner Erkenntnisse sind im Austausch mit Frauen entstanden...
in Gesprächen, Rückmeldungen, Begleitungen und stillen Resonanzräumen.
Ich erzähle davon nicht, um Vorbild zu sein.
Sondern um Einordnung zu ermöglichen.
Über Wissen, Werkzeuge und Grenzen
Auch Weiterbildungen haben in meiner Arbeit ihren Platz.
Nicht als Ausweis von Autorität, sondern als Werkzeuge.
Sie geben Sprache für innere Prozesse.
Sie schaffen Orientierung im Denken.
Aber sie ersetzen weder eigene Reife noch die Verantwortung im Umgang mit sensiblen Lebensphasen.
Ich verstehe Wissen nicht als etwas, das man besitzt,
viel eher als etwas, das sich im sorgfältigen Umgang zeigt.
Gerade dort, wo es um Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Verlust geht,
ist Zurückhaltung oft wertvoller als irgendeine Methode.
Was Praxis Liebenswert ist und was nicht
Praxis Liebenswert ist keine Methode.
Kein Heilversprechen.
Kein Weg, den man „richtig“ gehen kann.
Es ist ein redaktioneller Orientierungsraum.
Ein Ort für Einordnung.
Für Entlastung.
Für das leise Erkennen: Ich bin nicht falsch. Ich befinde mich in einem Übergang.
Manchmal reicht genau das.
Orientierung beginnt nicht dort, wo jemand erklärt, wie es geht.
Orientierung beginnt dort, wo man wieder spürt, was stimmt.
Und falls du dich gerade fragst, ob das genug ist:
Ja. Oft ist es das.
Manchmal braucht es keinen weiteren Text, sondern einen Moment der inneren Orientierung.
Warum dieser Text existiert
Dieser Text ist entstanden, weil viele Fragen nicht laut gestellt werden.
Weil Leserinnen spüren, dass sie Orientierung suchen...nicht Anleitung.
Und weil es gerade bei sensiblen Themen wichtig ist zu wissen, aus welcher Haltung heraus geschrieben wird.
Praxis Liebenswert versteht sich nicht als Methode und nicht als Ausbildungsweg,
sondern als redaktioneller Raum für Einordnung, Sprache und Würde in Übergängen,
die sich nicht planen lassen.
Autorin: Bettina Müller-Farné - Herausgeberin des Liebenswert-Magazins
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