DMT bei der Geburt?

Veröffentlicht am 8. April 2026 um 07:46

Mythos, Forschung und das, was Frauen wirklich erleben

 

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Die Vorstellung, dass dein Körper unter der Geburt eine Substanz ausschüttet, die dich in eine andere Welt bringt. Dass das, was Frauen seit Jahrhunderten beschreiben – dieses Wegtreten, dieses „Nicht-mehr-ganz-hier-sein“ – plötzlich eine biochemische Erklärung bekommt.

DMT.

Die sogenannte „Spirit Molecule“.

 

Und vielleicht hast du dich gefragt:

 

Ist das wahr? Passiert da wirklich mehr, als wir denken? Wird bei der Geburt DMT ausgeschüttet?

 

Die ehrliche Antwort ist:

Ja und nein.

Es gibt derzeit keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass bei der Geburt relevante Mengen DMT ausgeschüttet werden. Die veränderten Wahrnehmungszustände lassen sich vor allem durch Hormone wie Oxytocin und Endorphine sowie durch Prozesse im Nervensystem erklären.

 

 

Was DMT wirklich ist

 

DMT, Dimethyltryptamin, ist kein esoterisches Konzept.

Es ist eine körpereigene Substanz, die aus der Aminosäure Tryptophan gebildet wird – also verwandt mit Serotonin und Melatonin.

Forscher haben DMT tatsächlich im menschlichen Körper nachgewiesen:

im Blut, im Urin, im Gehirn. Sogar das Enzym, das zur Herstellung notwendig ist – INMT – wurde unter anderem in der Plazenta gefunden.

 

Das heißt:

Dein Körper kann DMT produzieren.

 

Aber jetzt kommt der Teil, der oft ausgelassen wird:

Wir wissen (noch) nicht, wofür.

 

Was sagt die Wissenschaft zur Rolle von DMT bei der Geburt?

 

Es gibt bis heute keinen wissenschaftlichen Beleg, dass unter der Geburt relevante Mengen DMT ausgeschüttet werden.

Keine Messung.

Keine klinische Studie.

Keine klare Funktion.

Die Idee stammt vor allem aus Hypothesen – unter anderem von Rick Strassman, der vermutete, dass DMT bei sogenannten „Schwellenmomenten“ wie Geburt oder Tod eine Rolle spielen könnte.

 

Aber:

Das ist eine spannende Theorie. Kein Beweis.

 

Und trotzdem bleibt dieses Gefühl...Irgendwas passiert da.

 

 

Warum sich Geburt wie ein veränderter Bewusstseinszustand anfühlen kann

 

Wenn Frauen über ihre Geburten sprechen, beschreiben viele etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt.

Zeit verliert ihre Bedeutung.

Die Außenwelt wird leiser.

Der Körper übernimmt.

Gedanken verschwinden.

 

Manche sagen:

„Ich war wie in Trance.“

 

Andere:

„Ich war in einer anderen Welt.“

 

Und genau hier wird es spannend.

Denn diese Erfahrung ist real – auch ohne DMT.

 

Manche Frauen erleben genau diesen Zustand nicht nur unter der Geburt, sondern auch in anderen intensiven Lebensphasen – oft ohne ihn einordnen zu können.

→ Freeze im Kinderwunsch – wenn dein System auf Pause geht

 

 

Die Rolle von Hormonen und Nervensystem unter der Geburt

 

Geburt ist kein kognitiver Prozess.

Sie wird nicht „gedacht“, sie wird vom Körper gesteuert.

Und dafür braucht es einen ganz bestimmten Zustand,

nämlich Sicherheit im Nervensystem.

 

Wenn dein Körper sich sicher genug fühlt, passiert etwas Faszinierendes:

 

  • Der Neokortex (dein denkender Verstand) tritt in den Hintergrund
  • Dein Stammhirn übernimmt – der älteste Teil deines Systems
  • Du kommst in einen Zustand, der zwischen Wachsein und Trance liegt

 

Gleichzeitig wirken starke körpereigene Stoffe:

 

  • Oxytocin – fördert Vertrauen, Verbindung, Hingabe
  • Endorphine – verändern Schmerzempfinden und Wahrnehmung
  • Adrenalin – gibt dir Kraft im richtigen Moment

 

Diese Kombination kann Zustände erzeugen, die sich tatsächlich wie „außerhalb der Realität“ anfühlen. Und das ist kein Fehler...das ist Design.

 

Wenn du merkst, dass dich genau dieser Teil besonders berührt:

Ich habe darüber ausführlicher geschrieben, warum unser Nervensystem oft anders reagiert, als wir denken und warum das nichts mit „Fehlern“ zu tun hat.

→ Was dir niemand ehrlich über dein Nervensystem sagt

 

 

Geburt als Übergang – was traditionelle Kulturen darüber wussten

 

Lange bevor wir über Hormone und Neurobiologie gesprochen haben, wussten viele Kulturen:

Geburt ist ein Übergang. Kein rein körperliches Ereignis.

 

In traditionellen Gesellschaften wurde Geburt oft als Schwellenritual verstanden.

Frauen wurden geschützt.

Abgeschirmt.

Nicht gestört.

 

Man wusste:

Eine gebärende Frau ist „zwischen den Welten“.

 

Anthropologinnen wie Robbie Davis-Floyd beschreiben Geburt als tief kulturell und rituell eingebetteten Zustand, nicht nur als medizinischen Vorgang.

 

Ina May Gaskin berichtet von Frauen, die unter ungestörten Bedingungen genau diese tranceartigen Zustände erleben.

Nicht, weil ihnen etwas „gegeben“ wird. Sondern weil nichts dazwischenfunkt.

 

Wenn du dich gerade konkret mit deiner eigenen Geburt beschäftigst, kann es hilfreich sein, diese körperlichen und emotionalen Prozesse auch im Kontext deiner individuellen Situation zu verstehen.

→ Beckenendlage verstehen – was dein Körper dir wirklich zeigt

Warum sich der DMT-Mythos so stark verbreitet

 

Wenn wir ehrlich sind, geht es hier um mehr als Biochemie.

Der Gedanke an DMT gibt etwas zurück, das viele Frauen vermissen:

  • Bedeutung
  • Tiefe
  • Würde

 

Denn er sagt: „Das, was du erlebst, ist nicht nur Schmerz. Es ist Transformation.“

Und darin steckt ein wahrer Kern, nur die Erklärung greift zu kurz.

 

 

Was Frauen wirklich brauchen, um diesen Zustand zu erreichen

 

Vielleicht brauchen wir kein DMT, um zu verstehen, dass Geburt mehr ist als ein medizinischer Ablauf.

Vielleicht reicht es, anzuerkennen:

Dein Körper kann Zustände erreichen, die dein Verstand nicht kontrollieren kann.

Dein Nervensystem entscheidet, ob du dich hineinfallen lassen kannst – oder dagegen ankämpfst.

Und die Umgebung, in der du gebärst, beeinflusst genau das.

 

Geburt ist kein psychedelischer Trip.

Aber sie kann sich wie einer anfühlen.

Nicht, weil dein Körper dich „wegbeamt“.

Sondern weil er dich zurückführt.

In etwas, das tiefer ist als Denken.

 

Und vielleicht geht es gerade gar nicht nur darum, etwas zu verstehen.

Sondern darum, einen Moment zu haben, in dem du nichts einordnen musst.

Wenn du magst, findest du hier Worte, die dich einfach begleiten dürfen – ohne Erklärung, ohne Druck:

 

 

FAQ

 

Wird bei der Geburt DMT ausgeschüttet?

 

Es gibt aktuell keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass bei der Geburt relevante Mengen DMT ausgeschüttet werden. DMT wurde zwar im menschlichen Körper nachgewiesen, aber seine genaue Funktion ist noch nicht geklärt. Die veränderten Zustände unter der Geburt lassen sich vor allem durch Hormone und Prozesse im Nervensystem erklären.

 

Warum fühlt sich Geburt manchmal wie ein Trance-Zustand an?

 

Unter der Geburt verändert sich die Aktivität im Gehirn. Der denkende Verstand tritt in den Hintergrund, während körpergesteuerte Prozesse dominieren. Gleichzeitig wirken Hormone wie Oxytocin und Endorphine, die Wahrnehmung, Zeitgefühl und Schmerzempfinden beeinflussen. Dadurch kann ein Zustand entstehen, der sich wie Trance anfühlt.

 

Welche Hormone spielen bei der Geburt eine Rolle?

 

Die wichtigsten Hormone sind:

Oxytocin: unterstützt Wehen, Vertrauen und Verbindung

Endorphine: wirken schmerzlindernd und bewusstseinsverändernd

Adrenalin: sorgt in bestimmten Phasen für Energie und Fokus

Diese hormonelle Kombination beeinflusst maßgeblich, wie die Geburt erlebt wird.

 

Welche Rolle spielt das Nervensystem bei der Geburt?

 

Das Nervensystem entscheidet, ob sich der Körper sicher genug fühlt, um den Geburtsprozess zuzulassen. Wenn Sicherheit vorhanden ist, kann sich der Körper in einen Zustand begeben, in dem automatisierte, körperliche Abläufe im Vordergrund stehen. Stress oder Angst können diesen Prozess hingegen stören.

 

Ist es normal, sich während der Geburt „nicht ganz da“ zu fühlen?

 

Ja, viele Frauen berichten von solchen Erfahrungen.

Dieses Gefühl entsteht, wenn der Körper in einen stark körperorientierten Zustand wechselt und der Verstand weniger aktiv ist. Es ist eine natürliche Reaktion und kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.

 

Warum wird DMT trotzdem so oft mit der Geburt in Verbindung gebracht?

 

Der Gedanke an DMT bietet eine einfache Erklärung für komplexe Erfahrungen.

Da DMT mit veränderten Bewusstseinszuständen verbunden ist, wird es oft als Ursache für das Geburtserleben herangezogen. Wissenschaftlich ist dieser Zusammenhang jedoch bisher nicht belegt.

 

Kann ich diesen Zustand unter der Geburt beeinflussen?

 

Ja, indirekt. Ein unterstützendes Umfeld, ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen sowie eine möglichst ungestörte Umgebung können dazu beitragen, dass sich dein Körper in diesen Zustand hineinbewegen kann. Kontrolle und Anspannung wirken dagegen oft hinderlich.

 

Was hilft meinem Körper, unter der Geburt in diesen Zustand zu kommen?

 

Wichtige Faktoren sind:

  • Sicherheit (körperlich und emotional)
  • Vertrauen in den Prozess
  • eine ruhige, geschützte Umgebung
  • möglichst wenig Störung oder Unterbrechung

Diese Bedingungen unterstützen das Nervensystem dabei, in einen geburtsfördernden Zustand zu wechseln.

 

 

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Frag Liebenswert – weil keine Frage zu sensibel ist.“ 

Alle Artikel findest du hier.

Quellen 

 

Dean et al. (2019): Biosynthesis and extracellular concentrations of DMT in mammalian brain – Frontiers in Neuroscience

Barker, S. (2018): N,N-Dimethyltryptamine (DMT): An endogenous hallucinogen – Journal of Psychopharmacology

Strassman, R. (2001): DMT: The Spirit Molecule

Davis-Floyd, R. (2003): Birth as an American Rite of Passage

Gaskin, I. M. (2003): Ina May’s Guide to Childbirth

Uvnäs-Moberg, K. (2019): Oxytocin – The Biological Guide to Motherhood

Schüttet mein Körper bei der Geburt wirklich DMT aus?

Autorin: Bettina Müller-Farné - Herausgeberin des Liebenswert-Magazins

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