Gut informiert ...und trotzdem erschöpft
Es ist abends. Die Kinder schlafen endlich. In der Küche steht noch ein Glas Wasser, das ich eigentlich über den Tag verteilt trinken wollte. Die App sagt: „Fast geschafft.“ Mein Kopf sagt: „Du hast heute einiges gut gemacht.“ Und mein Körper? Der fühlt sich an, als hätte ich ihn irgendwo unterwegs vergessen.
Ich kenne diesen Moment gut. Dieses leise Gefühl von: Ich mache doch alles richtig...warum fühlt es sich nicht so an?
Warum Wissen dich nicht automatisch stabil macht
Ich habe lange gedacht, mir fehlt einfach noch das richtige Wissen. Noch ein Artikel, noch ein Podcast, noch ein kleines Tool, das mir hilft, meinen Alltag besser in den Griff zu bekommen. Ich habe gelesen, gelernt, ausprobiert. Ich wusste irgendwann erstaunlich viel über Ernährung, Stress, Hormone, Schlaf. Und trotzdem saß ich abends oft da und war müde auf eine Art, die nichts mit Schlaf zu tun hatte.
Irgendwann wurde mir klar: Es lag nicht daran, dass ich zu wenig wusste. Es lag daran, dass mein System längst überfordert war und ich es die ganze Zeit mit noch mehr Input gefüttert habe.
Was ich damals nicht verstanden habe: Unser Körper funktioniert nicht wie ein Projekt, das man mit genug Wissen optimieren kann. Es gibt einen Teil in uns, der viel älter ist als jeder Ratgeber. Ein Teil, der nicht analysiert, nicht bewertet, nicht plant. Er reagiert einfach. Auf Tempo. Auf Druck. Auf Reize. Auf das Gefühl, ständig „on“ sein zu müssen.
Heute weiß ich, dass genau dieser Teil entscheidet, ob wir uns stabil fühlen oder nicht.
Was dein Nervensystem mit deiner Erschöpfung zu tun hat
In der Forschung wird das zum Beispiel in der Polyvagal Theory beschrieben – ein Modell, das zeigt, wie stark unser Erleben von Sicherheit oder Stress davon abhängt, in welchem Zustand sich unser Nervensystem gerade befindet. Damals hätte ich diesen Begriff wahrscheinlich schnell wieder weggeclickt. Heute ist er für mich eine Art Übersetzung geworden: für dieses diffuse Gefühl von Unruhe, das sich nicht mit „mehr Wissen“ lösen lässt.
Besonders als Mutter wird das schnell spürbar. Aber nicht, weil wir etwas falsch machen. Weil unser Alltag oft so gebaut ist, dass wir permanent in einer Art unterschwelliger Anspannung leben. Es ist diese Mischung aus Verantwortung, Organisation, Mitdenken für alle anderen.
Termine, Bedürfnisse, kleine Entscheidungen im Minutentakt.
Vieles davon ist unsichtbar, läuft im Hintergrund und genau das macht es so anstrengend.
Genau dieser Zustand interessiert mich auch im Projekt „Zwischenraum-Gesundheit“: die Frage, warum viele Frauen im Alltag bereits erschöpft sind, lange bevor daraus eine sichtbare Erkrankung entsteht.
Warum mehr Selbstoptimierung dich noch müder machen kann
Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der es so viele Möglichkeiten gibt wie noch nie. Wir können unseren Zyklus tracken, Meditationen anhören, Schlaf auswerten, Ernährung optimieren. Apps wie Flo oder Headspace begleiten uns durch den Tag, oft mit den besten Absichten. Ich nutze solche Dinge selbst. Und trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, wie schnell daraus ein stiller Druck entsteht. Dieses Gefühl, ständig noch ein bisschen besser werden zu können. Noch bewusster, noch gesünder, noch ausgeglichener.
Was dabei leicht verloren geht, ist etwas ganz Einfaches: die Verbindung zu uns selbst.
Warum sich dieser Zustand oft körperlich so intensiv anfühlt, habe ich in einem weiteren Artikel über Nervensystem und Daueranspannung genauer beschrieben:
Wenn dein Nervensystem gerade nicht mehr mitmacht
Wie du wieder mehr Stabilität im Alltag spürst
Ich habe lange versucht, mich aus meiner Erschöpfung heraus zu organisieren. Ich habe Pläne gemacht, Routinen aufgebaut, Listen geschrieben. Und jedes Mal, wenn es nicht funktioniert hat, habe ich gedacht: Ich muss es nur noch konsequenter umsetzen. Heute sehe ich das anders.
Mein Körper war nicht „unorganisiert“. Er war einfach überlastet.
Ein wichtiger Punkt, der mir geholfen hat, das zu verstehen, ist die Rolle unserer Stressreaktion. Die sogenannte HPA axis beschreibt, wie unser Körper auf Belastung reagiert – hormonell, körperlich, oft völlig automatisch. Wenn dieser Zustand über längere Zeit aktiv bleibt, fühlt sich selbst ein eigentlich ruhiger Abend nicht mehr wirklich ruhig an. Der Körper läuft weiter im Hintergrund.
Wie ein Motor, den man nicht ganz ausgeschaltet bekommt.
Ich habe irgendwann angefangen, nicht mehr zu fragen: Was kann ich noch verbessern?
Sondern: Was würde meinem System gerade wirklich guttun?
Und die Antwort war überraschend unspektakulär.
Es waren keine neuen Routinen. Keine großen Veränderungen. Es waren kleine Momente, die realistisch in meinen Alltag passen. Sekunden, manchmal Minuten, in denen nichts von mir verlangt wird. Kein Ziel, keine Optimierung, kein „das bringt dir jetzt etwas“.
Einfach kurz da sein. Atmen. Wahrnehmen, wie sich mein Körper gerade anfühlt.
Am Anfang hat sich das fast falsch angefühlt. So, als würde ich Zeit „verschwenden“. Gerade mit Kindern, To-do-Listen und einem Kopf, der immer noch fünf Schritte weiter denkt. Aber genau diese kleinen Unterbrechungen haben etwas verändert. Nicht sofort, nicht spektakulär. Eher leise.
Ich habe gemerkt, dass mein System anfängt, wieder herunterzufahren. Dass ich schneller aus dieser inneren Daueranspannung herauskomme. Dass ich nicht mehr das Gefühl habe, ständig hinterherzulaufen.
Heute gibt es Tage, die genauso voll sind wie früher. Der Unterschied liegt nicht im Außen. Er liegt darin, dass ich zwischendurch Momente habe, in denen ich nicht funktioniere, sondern einfach kurz bin.
Aus genau dieser Erfahrung heraus sind später auch unsere ruhigen „Regulationsräume“ entstanden – kleine Audioformate für Momente, in denen das System nicht noch mehr Input braucht, sondern weniger.
Vielleicht ist das der Punkt, der uns gerade fehlt. Nicht noch mehr Wissen. Sondern kleine Räume im Alltag, in denen nichts von uns erwartet wird.
Wenn du magst, probier es ganz unscheinbar aus. Nicht als neue Aufgabe. Eher wie ein Experiment. Ein kurzer Moment, bevor du zum nächsten Punkt auf deiner Liste gehst. Ein Atemzug mehr. Ein bewusstes Innehalten, auch wenn es nur zehn Sekunden sind.
Es geht nicht darum, alles richtig zu machen.
Es geht darum, wieder ein bisschen mehr bei dir anzukommen.
Und manchmal beginnt genau dort ein Gefühl von Stabilität, das sich nicht planen lässt...aber spürbar ist.
FAQ
Was bedeutet es, wenn ich trotz gesunder Routinen erschöpft bin?
Viele Frauen achten auf Ernährung, Schlaf und Bewegung und fühlen sich trotzdem ausgelaugt. Häufig spielt das Nervensystem eine größere Rolle als einzelne Gewohnheiten.
Wie erkenne ich eine Überlastung des Nervensystems?
Typisch sind innere Unruhe, Erschöpfung trotz Pausen, Reizbarkeit oder das Gefühl, nie richtig abschalten zu können.
Was hilft wirklich bei dauerhafter Erschöpfung im Alltag?
Neben gesunden Routinen sind kleine Momente der Regulation entscheidend – kurze Pausen, in denen dein System wirklich zur Ruhe kommen kann.
Autorin: Bettina Müller-Farné - Herausgeberin des Liebenswert-Magazins
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