Warum er so viel tiefer triggert, als wir denken – und was hochsensible Frauen darüber wissen sollten
Ich sag’s dir direkt, ohne Umweg:
Die Angst vor dem Kontrollverlust ist für viele Frauen schlimmer als die Angst vor Schmerzen.
Und trotzdem wird sie im Geburtskontext oft abgetan.
Mit Sätzen wie:
„Vertrau einfach deinem Körper.“
„Lass los.“
„Andere schaffen das doch auch.“
Gut gemeint.
Aber neurobiologisch ziemlich daneben.
Denn Kontrollverlust unter der Geburt ist kein spirituelles Thema.
Er ist ein Nervensystem-Thema.
Und für viele Frauen ein biografisches Thema.
Warum Kontrollverlust unter die Haut geht (und nicht nur in den Kopf)
Kontrolle ist kein Luxus.
Sie ist eine Überlebensstrategie.
Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit.
Sie signalisiert Sicherheit.
Unter der Geburt passiert jedoch genau das Gegenteil:
- Abläufe sind nicht linear
- Reaktionen nicht planbar
- Körperempfindungen intensiv und fremd
- Zeitgefühl löst sich auf
Für das Nervensystem ist das eine massive Herausforderung.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Je feinfühliger dein Nervensystem, desto stärker reagiert es auf Kontrollverlust.
Hochsensibel + Kontrolle = kein Zufall
Viele hochsensible Frauen berichten mir (und schreiben mir):
„Ich bin eigentlich gut vorbereitet, reflektiert, informiert – aber die Vorstellung, nicht mehr steuern zu können, macht mir Angst.“
Das ist kein Widerspruch.
Das ist logisch.
Hochsensible Menschen:
- scannen ihre Umgebung permanent
- erkennen feine Veränderungen
- regulieren sich über Überblick und Struktur
Kontrolle ist hier kein Machtinstrument,
sondern ein Regulationswerkzeug.
Wenn dieses Werkzeug wegfällt –
geht das Nervensystem schneller in Alarm.
Kontrollverlust ist nicht gleich Kontrollverlust
Hier wird es wichtig, zu differenzieren.
Denn es gibt zwei völlig unterschiedliche Formen, die oft verwechselt werden.
Physiologischer Kontrollverlust
Der gesunde, biologische Teil der Geburt.
Denken tritt in den Hintergrund - Instinkte übernehmen - Sprache reduziert sich - Körper führt.
Das ist kein Versagen.
Das ist Geburt.
Erlebter Kontrollverlust
Der problematische Teil.
Er entsteht, wenn:
Entscheidungen über deinen Kopf hinweg getroffen werden - Grenzen ignoriert werden - du dich ausgeliefert fühlst - Kommunikation fehlt.
Und genau hier wird es kritisch.
Nicht der Kontrollverlust an sich ist das Problem –
sondern das Gefühl von Ohnmacht.
Warum alte Erfahrungen plötzlich laut werden können
Jetzt kommt der Teil, den viele Frauen erst nach der Geburt verstehen.
Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen:
„Das ist jetzt“
„Das war damals“
Wenn unter der Geburt ein Zustand entsteht, der sich ähnlich anfühlt wie frühere Erfahrungen von:
- Ausgeliefertsein
- Überrumpelung
- Machtlosigkeit
- Grenzüberschreitung
dann reagiert der Körper sofort.
Nicht, weil du „zu sensibel“ bist.
Sondern weil dein System gelernt hat:
„So fühlt sich Gefahr an.“
Kontrollverlust wird dann zum Trigger –
nicht zur Transformation.
Warum „Loslassen“ manchmal das Schlechteste ist, was man sagen kann
Ich weiß, das ist unbequem.
Aber wir müssen darüber reden.
Der Satz:
„Du musst einfach loslassen.“
ist für viele Frauen kein Trost, sondern Druck.
Denn er impliziert:
- Wenn du Angst hast, machst du etwas falsch
- Wenn du Kontrolle brauchst, vertraust du nicht genug
- Wenn du dich wehrst, bist du blockiert
Das ist nicht nur unfair.
Es ist falsch.
Regulation kommt vor Loslassen.
Ein Nervensystem kann nur dann loslassen,
wenn es sich sicher fühlt.
Was wirklich hilft: innere Kontrolle statt äußere Kontrolle
Hier kommt der Perspektivwechsel, der für viele Frauen ein Gamechanger ist.
Du brauchst unter der Geburt keine totale Kontrolle.
Aber du brauchst Orientierung.
Das kann sein:
- Wissen, was als Nächstes passieren könnte
- eine Stimme, die dich einordnet
- das Gefühl, gefragt zu werden
- ein innerer Anker
Kontrolle heißt nicht:
„Ich bestimme alles.“
Sondern:
„Ich bin nicht ausgeliefert.“
Mini-Wissen: Kontrollverlust & Nervensystem
Das Gefühl von Kontrolle senkt nachweislich Stresshormone.
Fehlende Information erhöht Schmerz- und Angstwahrnehmung.
Hochsensible Nervensysteme reagieren stärker auf Unvorhersehbarkeit.
Sicherheit entsteht über Beziehung, nicht über Perfektion.
Ohnmacht ist traumatisierend – Instinktverlust nicht.
Und jetzt ganz ehrlich, unter uns
Wenn du Angst vor Kontrollverlust hast,
dann bist du nicht „zu verkopft“.
Du bist wach.
Erfahren.
Verantwortungsvoll.
Die Lösung ist nicht, dich kleiner zu machen.
Sondern dich ernst zu nehmen.
Genau dafür ist diese Serie da.
Geburt ohne Filter.
Damit Frauen endlich verstehen,
dass ihr Körper nicht das Problem ist –
sondern oft die Erklärungen fehlen.
Hinweis:
Dieser Artikel dient der Information, Einordnung und emotionalen Entlastung. Er ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder hebammliche Beratung. Jede Schwangerschaft und jede Geburt ist individuell. Bei individuellen Fragen oder Beschwerden wende dich bitte an deine Hebamme, Ärztin oder einen anderen qualifizierten Ansprechpartner.
Autorin: Bettina Müller-Farné Gründerin des Liebenswert-Magazins
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