Warum manche Erfahrungen erst Tage oder Wochen später weh tun – und was das mit Trauma zu tun hat
Manchmal passiert es nicht im Kreißsaal.
Nicht während der Presswehen.
Nicht in diesem einen dramatischen Moment, den man später erzählt.
Sondern danach.
Wenn alle sagen:
„Hauptsache, das Baby ist gesund.“
Wenn der Alltag langsam zurückkommt.
Wenn der Körper zur Ruhe kommt –
und plötzlich etwas aufbricht, womit du nicht gerechnet hast.
Ein Gefühl.
Eine Erinnerung.
Eine innere Unruhe.
Oder dieser Satz im Kopf:
„Eigentlich war alles okay … aber irgendwas stimmt nicht.“
Und genau darüber reden wir viel zu selten.
Trauma zeigt sich nicht immer laut
(oft kommt es leise)
Trauma sieht nicht immer so aus, wie wir es uns vorstellen.
Nicht immer:
- Panikattacken
- Flashbacks
- Zusammenbrüche
Sondern oft:
- innere Leere
- Reizbarkeit
- Schlaflosigkeit
- plötzliche Tränen
- Rückzug
- das Gefühl, „nicht richtig da zu sein“
Viele Frauen sagen dann:
„Ich versteh mich selbst nicht. Die Geburt war doch medizinisch okay.“
Und genau hier liegt der Denkfehler.
Eine wichtige Klarstellung (bitte merken!)
Trauma entsteht nicht durch das Ereignis selbst.
Sondern durch das Gefühl, damit allein, ausgeliefert oder überfordert zu sein.
Zwei Frauen können die gleiche Geburt erleben –
und sie völlig unterschiedlich verarbeiten.
Warum?
Weil das Nervensystem entscheidet.
Nicht der Geburtsbericht.
Der Körper bewertet anders als der Kopf
Dein Verstand kann sagen:
„Es war notwendig.“
„Es ging nicht anders.“
„Andere haben Schlimmeres erlebt.“
Dein Körper fragt etwas anderes:
„War ich sicher?“
„Wurde ich gesehen?“
„Durfte ich reagieren?“
Wenn diese Fragen innerlich mit Nein beantwortet werden,
bleibt etwas offen.
Nicht dramatisch.
Aber spürbar.
Ein stiller Raum für das, was gerade da ist
Manche Erfahrungen lassen sich nicht sofort einordnen oder benennen.
Für solche Momente gibt es den Quiet Room Herzkammer
– ein geschützter Raum zur emotionalen Selbstregulation und inneren Sammlung.
(kostenfrei, ohne Anmeldung)
Warum hochsensible Frauen besonders betroffen sein können
Jetzt lass uns ehrlich sein – unter uns.
Hochsensible Frauen:
- nehmen feine Zwischentöne wahr
- registrieren Stimmungen, Blicke, Worte
- spüren Grenzverschiebungen schneller
- merken, wenn etwas „nicht stimmt“, auch wenn niemand es ausspricht
Das ist eine Stärke.
Aber unter der Geburt kann es zur Belastung werden.
Denn:
- ein unachtsamer Satz
- ein hektischer Eingriff
- fehlende Erklärung
- ein Gefühl von „übergangen werden“
kann sich tief einprägen, selbst wenn alles korrekt ablief.
Das Wochenbett: Wenn das Nervensystem nachholt, was es vorher nicht konnte
Hier kommt ein Punkt, den kaum jemand erklärt:
Während der Geburt steht dein Körper unter Hochspannung.
Überlebensmodus. Fokus. Funktion.
Verarbeitung passiert oft erst danach.
Im Wochenbett.
In der Stille.
In den ruhigen Momenten.
Dann meldet sich das Nervensystem:
„Jetzt ist Platz. Jetzt darf ich fühlen.“
Und plötzlich:
- kommt Traurigkeit
- kommt Wut
- kommt Leere
- kommt Angst
Nicht, weil etwas falsch läuft.
Sondern weil etwas nachgeholt wird.
Warum „Reiß dich zusammen“ hier besonders schadet
Viele Frauen hören nach der Geburt Sätze wie:
„Sei doch dankbar.“
„Jetzt zählt das Baby.“
„Das ist halt Geburt.“
Und jedes Mal zieht sich innerlich etwas zusammen.
Denn diese Sätze bedeuten:
„Dein Erleben hat hier keinen Platz.“
Und genau das verstärkt das, was ohnehin schon da ist.
Trauma heißt nicht: „Ich bin kaputt“
Das ist mir wichtig. Wirklich wichtig.
Trauma bedeutet nicht:
- dass du schwach bist
- dass du versagt hast
- dass deine Geburt „misslungen“ ist
Trauma bedeutet:
Dein Nervensystem hat etwas als zu viel erlebt.
Punkt.
Und Nervensysteme sind veränderbar.
Regulierbar.
Heilbar.
Aber nicht durch Wegdrücken.
Mini-Wissensbox: Geburt & Trauma
Trauma kann auch bei medizinisch „unauffälligen“ Geburten entstehen.
Das Nervensystem speichert Erleben körperlich, nicht sprachlich.
Hochsensible Menschen reagieren stärker auf Beziehung & Atmosphäre.
Verarbeitung beginnt oft erst Tage oder Wochen später.
Frühzeitige Einordnung wirkt präventiv.
Was jetzt wirklich hilft (kein Blabla)
Nicht:
„Positiv denken“
„Vergleichen“
„Sich zusammenreißen“
Sondern:
- Worte finden für das, was war
- ernst nehmen, was sich meldet
- sichere Räume schaffen (innerlich & äußerlich)
- Verständnis statt Bewertung
Manchmal reicht schon ein Satz, der alles verändert:
„Es ergibt Sinn, dass du so fühlst.“
Von Frau zu Frau – ganz offen
Wenn du merkst, dass dich deine Geburt innerlich beschäftigt,
dann bist du nicht undankbar.
Du bist ehrlich.
Und genau diese Ehrlichkeit ist der erste Schritt,
damit nichts „hängen bleibt“.
Dafür gibt es diese Serie.
Geburt ohne Filter.
Nicht, um alte Wunden aufzureißen.
Sondern um sie endlich nicht mehr alleine tragen zu müssen.
FAQ
Kann eine Geburt traumatisch sein, auch wenn medizinisch alles gut lief?
Ja.
Trauma entsteht nicht durch medizinische Fakten, sondern durch das subjektive Erleben von Ohnmacht, Überforderung oder fehlender Sicherheit. Auch eine komplikationslose Geburt kann emotional verletzend sein, wenn sich eine Frau nicht gesehen, gehört oder einbezogen gefühlt hat.
Warum kommen belastende Gefühle oft erst Tage oder Wochen nach der Geburt?
Während der Geburt befindet sich der Körper im Überlebens- und Funktionsmodus.
Erst im Wochenbett, wenn das Nervensystem herunterfährt, entsteht Raum für Verarbeitung. Gefühle, die vorher „keinen Platz hatten“, melden sich dann nachträglich – völlig normal und neurobiologisch erklärbar.
Bin ich traumatisiert, wenn mich die Geburt noch beschäftigt?
Nicht automatisch.
Dass eine Geburt emotional nachwirkt, bedeutet zunächst nur, dass etwas integriert werden möchte. Trauma entsteht eher dann, wenn Erleben dauerhaft unverarbeitet bleibt und von Scham, Schweigen oder Bagatellisierung begleitet wird.
Warum sind hochsensible Frauen häufiger betroffen?
Hochsensible Frauen nehmen Beziehung, Atmosphäre, Worte und Stimmungen intensiver wahr. Was für andere nebensächlich wirkt, kann sich tief einprägen – besonders in einem so verletzlichen Zustand wie der Geburt. Das ist keine Schwäche, sondern eine Form tiefer Wahrnehmung.
Kann ich dankbar für mein gesundes Baby sein und trotzdem traurig über die Geburt?
Ja. Beides darf gleichzeitig existieren.
Dankbarkeit schließt Verletzung nicht aus.
Gefühle konkurrieren nicht – sie koexistieren. Und genau das zu erlauben, wirkt oft entlastend.
Woran merke ich, dass ich Unterstützung brauche?
Ein Hinweis kann sein, wenn:
- Gedanken an die Geburt immer wieder hochkommen
- Schuld- oder Schamgefühle bleiben
- starke innere Unruhe oder emotionale Leere entsteht
- du das Gefühl hast, „etwas ist nicht rund“
Dann ist es sinnvoll, eine traumasensible Begleitung in Anspruch zu nehmen.
Was hilft in der ersten Zeit nach der Geburt?
Keine schnellen Lösungen – sondern Einordnung, Sprache und Sicherheit.
Zu wissen, dass deine Reaktionen Sinn ergeben, kann bereits regulierend wirken. Verarbeitung beginnt oft mit Verständnis, nicht mit Intervention.
Bedeutet Trauma nach der Geburt, dass ich psychisch krank bin?
Nein.
Trauma ist keine Diagnose, sondern eine Beschreibung dafür, dass das Nervensystem überfordert war. Es sagt nichts über deine Stärke, Kompetenz oder Mutterrolle aus.
Warum wird über dieses Thema so wenig gesprochen?
Weil es nicht ins gesellschaftliche Bild der „guten Geburt“ passt.
Emotionale Ambivalenz ist unbequem.
Diese Serie möchte genau dort hinschauen, wo sonst geschwiegen wird.
Hinweis:
Dieser Artikel dient der Information, Einordnung und emotionalen Entlastung. Er ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder hebammliche Beratung. Jede Schwangerschaft und jede Geburt ist individuell. Bei individuellen Fragen oder Beschwerden wende dich bitte an deine Hebamme, Ärztin oder einen anderen qualifizierten Ansprechpartner.
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Autorin: Bettina Müller-Farné, Gründerin Liebenswert-Magazin
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