Über Frauen, die gestalten und kaum noch Orte haben, an denen sie einfach sind
Es gibt Frauen, von denen ständig etwas ausgeht.
Eine Idee. Ein Blick. Eine Lösung.
Ein Impuls, der Ordnung schafft.
Oft fällt das niemandem auf.
Und genau das ist das Problem.
Diese Frauen sind nicht laut.
Sie drängen sich nicht nach vorne.
Sie halten Räume – beruflich, familiär, innerlich.
Und irgendwann merken sie:
Es gibt kaum noch Orte, an denen nichts von ihnen erwartet wird.
Nicht einmal von sich selbst.
Gestalten klingt nach Freiheit.
Nach Kreativität. Nach Selbstbestimmung.
In der Realität bedeutet es oft etwas anderes:
Verantwortung. Aufmerksamkeit. Präsenz.
Wer gestaltet, ist wach.
Sie sieht, was fehlt.
Sie spürt, wo etwas kippt.
Sie merkt, wenn etwas unstimmig wird...lange bevor es sichtbar ist.
Diese Wachheit ist kein Talent, das man ablegt wie einen Mantel.
Sie ist ein Zustand.
Und genau deshalb sind viele Frauen, die gestalten,
chronisch unterversorgt mit Stille.
Stille ist nicht dasselbe wie Ruhe.
Ruhe kann man organisieren.
Stille nicht.
Stille entsteht dort, wo niemand etwas will.
Wo keine Rolle aktiviert werden muss.
Wo keine Funktion gefragt ist.
Viele Frauen kennen diesen Zustand kaum noch.
Nicht, weil ihr Leben zu laut ist.
Sondern weil sie selbst zu viel tragen.
Es gibt einen feinen, oft übersehenen Unterschied:
Man kann sehr erfolgreich sein
und sich trotzdem innerlich heimatlos fühlen.
Nicht, weil etwas fehlt.
Sondern weil zu viel von einem selbst überall verteilt ist.
Ein bisschen hier.
Ein bisschen dort.
Ein bisschen für andere.
Ein bisschen für das, was entstehen soll.
Und kaum noch etwas, das einfach nur bleibt.
Gestaltete Stille ist kein Rückzug.
Sie ist auch keine Pause.
Sie ist ein bewusster Gegenraum.
Ein Raum, in dem nichts optimiert werden muss.
Nichts erklärt.
Nichts verwertet.
Ein Raum, in dem Gedanken nicht sofort produktiv sein müssen.
Gefühle nicht sinnvoll.
Erkenntnisse nicht teilbar.
Viele Frauen glauben, sie müssten erst „weniger tun“,
um solche Räume zu verdienen.
Das Gegenteil ist oft wahr.
Gerade Frauen, die viel gestalten,
brauchen Orte, an denen ihre innere Bewegung nicht benutzt wird.
Nicht für ein Projekt.
Nicht für eine Beziehung.
Nicht für eine Idee.
Ein Ort, an dem nichts entsteht
und genau das ausreichend ist.
Vielleicht ist das der eigentliche Luxus unserer Zeit:
Nicht mehr Möglichkeiten.
Sondern weniger Erwartungen.
Nicht mehr Sichtbarkeit.
Sondern gezielte Unsichtbarkeit.
Nicht als Verweigerung.
Sondern als Selbstschutz.
Dieser Text will nichts von dir.
Er will dich nicht motivieren.
Nicht inspirieren.
Nicht verändern.
Er will nur benennen,
dass es Frauen gibt, die viel tragen
und kaum Orte haben, an denen sie einfach nur sein dürfen.
Wenn du dich darin wiedererkennst,
musst du nichts tun.
Du bist bereits angekommen.
Gestaltete Stille ist kein Ziel.
Es ist ein Zustand, den man nicht festhalten kann.
Aber man kann ihm Raum geben.
Und manchmal reicht das.
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Autorin: Bettina Müller-Farné
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