Die leise Erschöpfung der Wachheit

Veröffentlicht am 8. Januar 2026 um 10:30

 

Warum Frauen, die viel wahrnehmen, oft müde sind...auch ohne Grund

 

Es gibt eine Form von Erschöpfung,

die nichts mit Arbeit zu tun hat.

Sie entsteht nicht durch zu viele Termine.

Nicht durch zu wenig Schlaf.

Nicht einmal durch Überforderung im klassischen Sinn.

Sie entsteht durch ständige Wachheit.

Manche Frauen nehmen mehr wahr als andere.

Nicht aus Absicht.

Nicht, weil sie besonders sensibel sein wollen.

Sondern weil ihr System so arbeitet.

Sie registrieren Stimmungen,

noch bevor sie ausgesprochen werden.

Sie spüren Spannungen,

lange bevor sie eskalieren.

Sie merken, wenn etwas nicht stimmt,

auch wenn alle anderen weitermachen.

 

Diese Wachheit ist kein Drama.

Aber sie ist auch kein Geschenk ohne Preis.

Denn Wachheit lässt sich nicht abschalten.

Man kann sie dämpfen.

Man kann sie übergehen.

Man kann sie zeitweise betäuben.

Aber sie bleibt.

Und sie arbeitet – auch dann,

wenn äußerlich nichts passiert.

 

Viele Frauen, die gestalten,

sind genau so wach.

Sie lesen zwischen den Zeilen.

Sie fühlen in Zwischenräumen.

Sie halten Dinge zusammen,

die sonst auseinanderfallen würden.

Oft werden sie dafür geschätzt.

Manchmal bewundert.

Selten geschützt.

Denn Wachheit sieht von außen aus wie Stabilität.

Die Erschöpfung, die daraus entsteht,

ist leise.

Sie macht nicht krank im klassischen Sinn.

Sie schreit nicht.

Sie zwingt nicht zum Zusammenbruch.

 

Sie zeigt sich subtiler:

 

  • in einer Grundmüdigkeit, die sich nicht erklären lässt
  • in dem Wunsch, einfach einmal nicht reagieren zu müssen
  • in einer inneren Distanz zu Dingen, die früher leicht waren

 

Viele Frauen übergehen diese Signale.

Nicht aus Ignoranz.

Sondern aus Gewohnheit.

Unsere Kultur hat keinen guten Umgang

mit feiner Wahrnehmung.

Sie bewundert Leistung.

Sie misst Wirkung.

Sie honoriert Sichtbarkeit.

Aber sie fragt selten,

was es kostet, so wach zu sein.

 

Gestaltete Stille ist kein Heilmittel.

Und auch keine Lösung.

Sie ist ein Ausgleich.

Ein Raum, in dem Wahrnehmung nicht gebraucht wird.

In dem niemand auf deine feinen Antennen zugreift.

In dem nichts von dir gelesen, interpretiert oder genutzt wird.

Nicht einmal von dir selbst.

 

Vielleicht ist das der Punkt,

an dem viele Frauen innehalten dürfen:

 

Nicht alles, was du wahrnimmst,

musst du einordnen.

Nicht alles, was du fühlst,

musst du klären.

Nicht alles, was du siehst,

musst du halten.

Wachheit braucht Gegenräume.

Nicht, um weniger wahrzunehmen.

Sondern um nicht ständig verantwortlich dafür zu sein.

 

Wenn du diesen Text liest

und merkst, dass etwas in dir leiser wird,

dann ist das kein Zufall.

Es ist dein System,

das für einen Moment nicht gebraucht wird.

Und das reicht manchmal.

Gestaltete Stille ist kein Rückzug aus der Welt.

Sie ist ein Ort,

an dem Wachheit nicht funktionieren muss.

Und vielleicht beginnt genau dort

eine andere Form von Kraft.

 

 

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