Eine stille Erinnerung an innere Grenzen
Es gibt Zeiten,
in denen man nichts falsch macht
und sich trotzdem falsch fühlt.
Nicht, weil etwas geschehen ist.
Sondern weil man zu erreichbar geworden ist.
Verfügbarkeit gilt als Tugend.
Als Zeichen von Zugewandtheit, Kompetenz, Offenheit.
Wer schnell antwortet, gilt als aufmerksam.
Wer immer ansprechbar ist, als zuverlässig.
Wer präsent bleibt, als stark.
Doch diese Form von Präsenz hat einen Preis.
Nicht jede Grenze ist laut.
Manche zeigen sich erst,
wenn man sie lange überschritten hat.
In einem leichten Widerstand im Körper.
In dem Wunsch, Nachrichten ungelesen zu lassen.
In einer Müdigkeit, die nichts mit Schlaf zu tun hat.
Viele Frauen ignorieren diese Signale.
Nicht aus Schwäche.
Sondern aus Verantwortungsgefühl.
Gestaltende Frauen sind oft besonders verfügbar.
Sie hören zu.
Sie denken mit.
Sie reagieren.
Sie halten Kontakt – auch innerlich.
Selbst dann,
wenn niemand konkret etwas verlangt.
Diese Form der inneren Erreichbarkeit
ist schwer zu erkennen.
Und noch schwerer zu beenden.
Nicht verfügbar zu sein
bedeutet nicht, sich zu entziehen.
Es bedeutet,
sich nicht ständig zur Verfügung zu stellen.
Nicht für jede Stimmung.
Nicht für jede Erwartung.
Nicht für jede unausgesprochene Bitte.
Es gibt einen stillen Unterschied zwischen Nähe und Zugriff.
Nähe entsteht freiwillig.
Zugriff passiert, wenn Grenzen fehlen.
Viele Frauen spüren diesen Unterschied sehr genau.
Und handeln trotzdem anders.
Aus Gewohnheit.
Aus Loyalität.
Aus dem Wunsch heraus, niemanden zu enttäuschen.
Das Recht, nicht verfügbar zu sein,
ist kein Rückzug aus Beziehung.
Es ist ein Akt der Selbstachtung.
Ein inneres Nein,
das nicht erklärt werden muss.
Ein Raum,
in dem keine Antwort fällig ist.
Gestaltete Stille entsteht oft genau hier.
Nicht dort, wo alles ruhig ist.
Sondern dort, wo man aufhört zu reagieren.
Für einen Moment.
Für einen Atemzug.
Für eine innere Grenze, die nicht verhandelt wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Beginn von Stille:
Nicht das Abschalten der Welt.
Sondern das Zurücknehmen der eigenen Erreichbarkeit.
Dieser Text erwartet nichts von dir.
Keine Entscheidung.
Keine Einsicht.
Keine Konsequenz.
Er erinnert nur daran,
dass du nicht jederzeit verfügbar sein musst,
um verbunden zu bleiben.
Gestaltete Stille
ist kein Ort, an dem man sich entzieht.
Es ist ein Ort,
an dem man sich nicht verliert.
Und manchmal
ist genau das genug.
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Autorin: Bettina Müller-Farné
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