Die Wahrheit über die Austreibungsphase
Es gibt diesen Moment unter der Geburt, über den kaum jemand spricht –
und wenn doch, dann nur flüsternd oder beschönigend.
Der Moment, in dem dein Körper plötzlich Dinge tut,
die nicht mehr gefragt werden,
die nicht mehr steuerbar sind,
die nicht mehr höflich sind.
Laute.
Bewegungen.
Druck.
Impulse.
Und viele Frauen denken genau dann:
„Was passiert hier gerade mit mir?!“
Ich sag’s dir direkt – und ohne Filter:
Das ist kein Kontrollverlust.
Das ist biologische Führung.
Die Austreibungsphase ist kein „Aktiv-Teil“
(sie ist ein Umschaltmoment im Gehirn)
In der Austreibungsphase passiert etwas Radikales –
nicht nur im Körper, sondern im Gehirn.
Der Neokortex, also der Teil, der:
plant, kontrolliert, bewertet, sich schämt...
fährt massiv herunter.
Gleichzeitig übernehmen:
- Hirnstamm
- limbisches System
- reflexhafte motorische Programme
Du wirst nicht irrational – du wirst instinktiv.
Und Instinkte brauchen keine Zustimmung.
Der Fetal Ejection Reflex – real, messbar, kaum erklärt
Jetzt kommt Wissen, das viele Frauen noch nie gehört haben, obwohl es seit Jahrzehnten erforscht ist. Es gibt etwas, das man den Fetal Ejection Reflex nennt
(Ferguson-Reflex, beschrieben u. a. in der Neuroendokrinologie).
Kurz gesagt:
Wenn die Bedingungen stimmen, schiebt dein Körper das Baby selbst hinaus.
Ohne bewusstes Pressen.
Ohne Anleitung.
Ohne „Jetzt bitte drücken“.
Das passiert durch:
- massive Oxytocin-Ausschüttung
- rhythmische Kontraktionen
- automatische Bauch- und Beckenbodenreaktionen
Der Körper übernimmt vollständig die Führung.
Und das fühlt sich für viele Frauen so an, als würden sie „übernommen“.
Körperlaute sind kein Kontrollverlust – sie sind Druckregulation
Dieses Stöhnen.
Dieses tiefe, raue Geräusch.
Dieses fast tierische Lautwerden.
Das ist kein:
- Drama
- Fehlverhalten
- „Sich gehen lassen“
Sondern: physiologische Druckentlastung.
Tiefe Laute:
- senken die Spannung im Beckenboden
- aktivieren den Vagusnerv
- helfen, den Geburtskanal zu öffnen
Studien aus der Stimm- und Atemforschung zeigen: Tieffrequente Laute wirken öffnend, nicht blockierend.
Das ist keine Esoterik.
Das ist Neurophysiologie.
Körperausscheidungen unter der Geburt – ja, auch das gehört dazu
Lass uns kurz etwas klarstellen, was viele Frauen erst nach der Geburt schamvoll zuflüstern oder nie aussprechen:
Unter der Geburt können Körperausscheidungen auftreten.
Und sie sind kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern von Funktion.
Urin.
Stuhl.
Schleim.
Fruchtwasserreste.
Blut.
Nicht alles bei jeder Frau.
Nicht alles dramatisch.
Aber alles biologisch erklärbar.
Warum der Körper unter der Geburt „loslässt“
In der Austreibungsphase arbeitet der Körper nicht mehr selektiv.
Er arbeitet effizient.
Das bedeutet:
- Der Beckenboden öffnet sich maximal
- Reflexe übernehmen
- bewusste Kontrolle wird abgeschaltet
Und genau das betrifft alle Ausgänge, nicht nur den Geburtskanal.
Besonders wichtig zu wissen:
Der Druck, der das Baby nach unten bewegt, wirkt auch auf Darm und Blase.
Wenn dort noch Inhalt ist,
dann wird er mit bewegt.
Nicht aus Nachlässigkeit.
Nicht aus Peinlichkeit.
Sondern aus Physik.
Stuhlgang unter der Geburt – warum er so häufig ist
Das ist der Teil, über den am meisten geschwiegen wird.
Also reden wir jetzt darüber.
Während der Geburt:
- werden Darmabschnitte komprimiert
- wird der Enddarm mit nach unten gedrückt
- sinkt die Hemmschwelle des Nervensystems
Das Ergebnis kann sein: Stuhlgang während des Pressens.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Wenn Stuhl mitkommt, bedeutet das oft, dass der Druck richtig liegt.
Hebammen wissen das.
Geburtshilfliche Teams wissen das.
Es ist kein Schock. Kein Fauxpas. Kein Makel.
Meist wird es unauffällig entfernt,
oft bemerken Frauen es selbst gar nicht.
Urin, Schleim, Fruchtwasser – normale Begleiterscheinungen
Auch Urinabgang kann vorkommen,
weil:
- die Blase unter Druck steht
- die Kontrolle über den Schließmuskel reduziert ist
Dazu kommen:
- Schleimpfropf-Reste
- Blut
- Fruchtwasser
Geburt ist kein steriler Prozess.
Sie ist ein körperlicher Übergang.
Und Übergänge sind selten sauber.
Warum viele Frauen sich später für diese Phase schämen
Die Scham entsteht nicht während der Geburt.
Sie entsteht:
- durch gesellschaftliche Erwartungen
- durch mangelnde Aufklärung
- durch das Bild der „kontrollierten Frau“
Der Körper selbst bewertet das nicht.
Er sagt nur:
„Ich öffne. Ich arbeite. Ich bringe ein Kind zur Welt.“
Alles andere ist Interpretation.
Hochsensible Frauen & Scham: ein sensibles Zusammenspiel
Für hochsensible Frauen kann dieses Thema besonders belastend sein,
weil sie:
- stark auf Bewertungen reagieren
- ein ausgeprägtes Schamempfinden haben
- sich lange an vermeintliche „Fehler“ erinnern
Deshalb ist es so wichtig, das vorher zu wissen:
Dein Körper darf alles loslassen, was im Weg ist.
Das sagt nichts über dich aus.
Nicht über deine Würde.
Nicht über deine Stärke.
Nicht über deine Weiblichkeit.
Kontrollverlust? Nein. Kontrollübergabe.
Was viele Frauen als Kontrollverlust beschreiben,
ist in Wahrheit eine Kontrollübergabe:
Vom bewussten Ich
→ an ein uraltes, funktionierendes Körpersystem.
Und das ist nichts, wofür man sich entschuldigen müsste.
Im Gegenteil.
Mini-Wissen:
Der Neokortex fährt in der Austreibungsphase stark herunter.
Reflexe ersetzen bewusste Steuerung.
Tiefe Laute senken Beckenbodenspannung.
Oxytocin erreicht hier Spitzenwerte.
Stuhlgang unter der Geburt ist medizinisch bekannt und normal.
Er entsteht durch Druck, nicht durch fehlende Kontrolle.
Geburtshilfliche Teams sind darauf vorbereitet.
Ein funktionierender Körper ist kein peinlicher Körper.
Scham entsteht erst nach der Geburt – nicht währenddessen.
Was Frauen eigentlich hätten hören sollen
Nicht:
„Reiß dich zusammen.“
„Du musst kontrolliert pressen.“
„Andere sind auch leise.“
Sondern:
„Dein Körper weiß, was er tut.“
„Du darfst ihm folgen.“
Denn diese Phase ist kein Test deiner Disziplin.
Sie ist ein Beweis deiner biologischen Kompetenz.
Von Frau zu Frau – ehrlich
Wenn du in der Austreibungsphase laut warst,
unkontrolliert,
anders als gedacht,
dann warst du nicht „außer dir“.
Du warst bei dir.
Tiefer als Worte.
Tiefer als Erziehung.
Tiefer als jedes Geburtskonzept.
Und wenn dein Körper unter der Geburt Dinge getan hat,
die du vorher nicht für möglich gehalten hast,
dann hat er dich nicht bloßgestellt.
Er hat Platz gemacht.
Und genau das ist seine Aufgabe.
Geburt ist kein ästhetischer Akt.
Sie ist ein ehrlicher.
Und genau deshalb gehört auch das gesagt.
FAQ
Warum verliere ich in der Austreibungsphase die Kontrolle über meinen Körper?
Du verlierst sie nicht – dein Körper übernimmt sie.
In der Austreibungsphase fährt das bewusste Denken (Neokortex) stark herunter, während instinktive Reflexe aktiv werden. Das ist ein normaler neurobiologischer Vorgang, der dafür sorgt, dass Geburt überhaupt möglich ist.
Sind laute Geräusche, Stöhnen oder Schreien unter der Geburt normal?
Ja.
Tiefe, kraftvolle Laute entstehen durch Reflexe und helfen, Spannung im Beckenboden zu reduzieren. Sie unterstützen die Öffnung und sind physiologisch sinnvoll, nicht peinlich oder falsch.
Warum fühlt sich die Austreibungsphase so „fremd“ an?
Weil sie es ist.
Dein Körper arbeitet in einem archaischen Modus, der nichts mit Alltagskontrolle oder sozialer Anpassung zu tun hat. Viele Frauen erleben diese Phase als überwältigend oder „nicht ich selbst“ – das ist normal.
Was ist der Fetal Ejection Reflex?
Der Fetal Ejection Reflex (auch Ferguson-Reflex) beschreibt den Moment, in dem der Körper das Baby automatisch und reflexhaft nach außen bewegt – ohne bewusstes Pressen. Er wird durch hohe Oxytocin-Ausschüttung ausgelöst und ist medizinisch bekannt, wird aber selten erklärt.
Sind Körperausscheidungen während der Geburt normal?
Ja.
Urin, Stuhl, Schleim, Fruchtwasser und Blut können während der Geburt auftreten. Das liegt daran, dass der Druck im Becken alle Organe betrifft und bewusste Kontrolle reduziert ist. Diese Ausscheidungen sind kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern von funktionierender Physiologie.
Warum kann es während der Geburt zu Stuhlgang kommen?
Während der Austreibungsphase wird der Enddarm mit nach unten gedrückt. Wenn dort noch Inhalt ist, kann er mit ausgeschieden werden.
Medizinisch gilt: Stuhlgang zeigt oft, dass der Druck korrekt wirkt. Geburtshilfliche Teams sind darauf vorbereitet.
Bemerken andere (z.B. deine Begleitperson) das überhaupt?
Meist nicht.
Ausscheidungen werden routiniert und diskret entfernt. Viele Frauen merken selbst nichts davon oder erfahren es erst später – oft unnötigerweise verbunden mit Scham.
Ist Urinabgang unter der Geburt ein Problem?
Nein.
Die Blase steht unter starkem Druck, und die Kontrolle über den Schließmuskel ist reduziert. Urinabgang ist eine bekannte Begleiterscheinung und medizinisch unproblematisch.
Warum schämen sich so viele Frauen im Nachhinein dafür?
Die Scham entsteht nicht während der Geburt, sondern danach – durch gesellschaftliche Erwartungen an Kontrolle, Sauberkeit und „Würde“. Der Körper selbst bewertet diese Vorgänge nicht.
Sind hochsensible Frauen davon stärker betroffen?
Hochsensible Frauen nehmen Körpervorgänge, Bewertungen und mögliche Fremdwahrnehmung intensiver wahr. Dadurch kann die Erinnerung an diese Phase emotional stärker nachwirken – obwohl körperlich alles normal war.
Bedeutet das alles, dass ich mich „gehen lasse“?
Nein.
Du hast nichts losgelassen – dein Körper hat Platz geschaffen. Geburt ist kein disziplinierter Akt, sondern ein funktionaler Übergang. Kontrolle weicht Effizienz.
Kann man sich auf diese Phase vorbereiten?
Nicht durch Kontrolle, sondern durch Wissen.
Zu wissen, dass Körperlaute, Reflexe und Ausscheidungen normal sind, nimmt vielen Frauen im Nachhinein Scham und Angst. Vorbereitung heißt hier: verstehen, nicht verhindern.
Was hätte man mir vorher sagen sollen?
Dass dein Körper:
- weiß, was er tut
- nichts Peinliches macht
- keine Rücksicht auf soziale Regeln nehmen kann
- und dafür auch nicht bewertet werden sollte
Geburt ist roh. Und genau das macht sie möglich.
Wann sollte ich medizinisch nachfragen?
Wenn du nach der Geburt unsicher bist, starke Schmerzen, Fieber, ungewöhnliche Blutungen oder anhaltende Beschwerden hast, solltest du dich immer an ärztliches oder hebammliches Fachpersonal wenden.
Was ist die wichtigste Botschaft zu dieser Phase?
Ein funktionierender Körper ist kein beschämender Körper.
Geburt ist kein ästhetischer Prozess, sondern ein biologischer.
Und genau deshalb darf darüber gesprochen werden.
Hinweis:
Dieser Artikel dient der Information, Einordnung und emotionalen Entlastung. Er ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder hebammliche Beratung. Jede Schwangerschaft und jede Geburt ist individuell. Bei individuellen Fragen oder Beschwerden wende dich bitte an deine Hebamme, Ärztin oder einen anderen qualifizierten Ansprechpartner.
Autorin: Bettina Müller-Farné, Gründerin des Liebenswert-Magazins
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